München – Sparbücher und Tagesgeldkonten bringen seit Jahren kaum Zinsen. Aktien schienen da eine verlockende Geldanlage. Doch die Deutschen sind immer noch zurückhaltende Anleger. Und nicht zuletzt der Absturz der Wirecard-Aktie hat viele Kleinanleger verunsichert. Sind Aktien überhaupt noch eine gute Anlageform, wenn selbst der Kurs eines Dax-Konzerns von über 100 Euro auf nur noch zwei Euro einbrechen kann? Trotz aller Schwankungen können Aktien für Privatanleger eine gute Investition sein. Allerdings gilt es dabei, einige Grundregeln zu beachten.
Wirecard-Aktionären ging viel Geld verloren. Was lehrt der Fall?
Wirecard war, schon bevor das Unternehmen in den Dax aufstieg, eher ein Zockerpapier, sagt Stefanie Kühn, Beraterin für private Finanzplanung aus Grafing im Landkreis Ebersberg. Wer viel Geld in diese Aktie gesteckt habe, habe natürlich viel verloren. „Aber auf die Entwicklung des Dax haben der Betrugsskandal und die Insolvenz kaum Einfluss gehabt.“ Der Diesel-Skandal bei VW habe Anleger insgesamt viel stärker verunsichert.
Von spekulativen Aktien wie Wirecard ganz abraten will Kühn nicht. Man könne damit auch außergewöhnliche Gewinne erzielen. Aber man sollte, so die Anlage-Expertin, nie mehr als fünf Prozent seines Aktienvermögens in ein einzelnes Unternehmen stecken, eher noch weniger. Wer jetzt noch Wirecard-Papiere habe, könne sich diese auch als Warnung im Depot stehen lassen. Bei einem Verkauf zum derzeitigen Kurs könnten schon die Gebühren den Erlös auffressen.
Sind Aktien noch eine gute Geldanlage?
Aktien sind auch in Krisenzeiten eine gute Anlage, findet Kühn. Entscheidend sei aber der Zeithorizont und ein persönlicher Anlageplan, in dem Aktien nur ein Teilaspekt sein sollten. „Zehn Prozent des freien Vermögens kann man aber immer in Aktien stecken“, sagt sie. Für Privatanleger sind sie vor allem als langfristige Anlage sinnvoll.
Wie viel Geld brauche ich für den Einstieg?
Wer heute mit 10 000 Euro einsteigt und dann jeden Monat weitere 100 Euro anlegt, kann in 25 Jahren mit einem Vermögenszugewinn von gut 50 000 Euro nach Steuern rechnen, sagt Kühn – bei einer angenommenen Fünf-Prozent-Wertsteigerung. Man könne aber schon mit 25 Euro im Monat beginnen, über Sparpläne ein Depot aufzubauen. „Ich rate dazu, klein anzufangen, um sich dem Thema langsam zu nähern.“
Wie komme ich überhaupt an Aktien?
Privatanleger können nicht selbst an der Börse handeln. Wer in Aktien oder Aktienfonds investieren will, braucht ein Depot bei einer Bank oder einer Broker-Firma. Die wickelt dann Aufträge des Kunden ab. „Das nötige Wissen, um Kauf- und Verkaufsentscheidungen selbst treffen zu können, sollte man sich aber anlesen“, sagt Kühn. Es gibt zahlreiche Depot-Anbieter, viele verlangen keine Grundgebühr. Man sollte genau schauen, wie hoch dann die Gebühren für einzelne Käufe oder Verkäufe sind. Die Hausbank ist da nicht immer die günstigste Adresse.
Welche Anlage-Produkte eignen sich speziell für Einsteiger?
Gerade Einsteiger sollten nicht in erster Linie Aktien einzelner Unternehmen kaufen. „Das erfordert viel Kapital“, sagt Anlage-Expertin Kühn. Sie rät zu ETFs. Das sind Aktienfonds, die einen Index wie den DAX oder den MSCI World abbilden. Investieren kann man in ETFs über Einmalkäufe oder über Sparpläne. Dabei wird durch eine Art Dauerauftrag monatlich oder vierteljährlich weiteres Geld in den Fonds investiert. Eine Auswahl unterschiedlicher ETFs findet sich in Zeitschriften wie Finanztest oder Euro.
Wie viel Zeit erfordert es, meine Anlage im Blick zu behalten?
Man sollte seine Anlagen schon im Blick haben, aber sich nicht von jeder Regung der Börsenkurse nervös machen lassen. „Einmal im Jahr sollte man sich die Entwicklung des eigenen Depots genauer anschauen“, rät Kühn. Wenn die eigenen Aktien oder Fonds sich überdurchschnittlich gut entwickelt haben und gleichzeitig Sparguthaben etwa für ein Auto gebraucht wurde, kann es sinnvoll sein, das Depot etwas zu verkleinern. „Grundsätzlich sollte aber nicht jeder Wertzuwachs abgeschöpft werden. Der langfristige Wertgewinn ist ja das eigentliche Ziel einer Investition in Aktien. Entscheidend ist das Verhältnis von Aktien zu anderem Vermögen (siehe Beispiele unten). Auch ein jährlicher Blick auf Abrechnungen des Depotanbieters ist empfehlenswert. Gebühren können sich ändern. „Und ein Wechsel meines Depots zu einem anderen Anbieter ist eine recht einfache Sache.“
Wie mache ich später mein Aktienvermögen wieder flüssig?
Ein Rückumschichten in andere Anlageformen sollte man frühzeitig planen. Wer für die Altersvorsorge in Aktien investiert hat, sollte mindestens fünf, besser noch sieben Jahre vor dem Ruhestand einen Kassensturz machen. Aktienkurse entwickelten sich zwar in der Vergangenheit langfristig im Durchschnitt gut, können aber kurzfristig stark schwanken. Nach der Finanzkrise 2008 dauerte es sechs Jahre, bis sich die Kurse erholt hatten. Generell sollte man kein Geld in Aktien anlegen, das man schnell wieder brauchen könnte, rät Kühn. „Aber nur, weil die Rente bevorsteht, ohne Not ganz auszusteigen, dafür sehe ich keinen Grund.“ Von weit verbreiteten Faustformeln, nach denen mit zunehmendem Lebensalter der Anteil des in Aktien angelegten Vermögens abnehmen sollte, halte sie wenig.
Welche typischen Fehler sollte ich vermeiden?
Deutsche Anleger beschränken sich gerne auf deutsche Unternehmen oder reine Dax-ETFs, sagt Kühn. Das sei weder nötig noch sinnvoll. Zudem würden in Krisenzeiten gerne Sparpläne über den Haufen geworfen. Der Rat der Expertin: Nerven behalten und sich besonders an Paniktagen ganz aus dem Börsengeschehen raushalten.
Gibt es Investments, die sich derzeit empfehlen?
„Mit Blick auf die Zukunft halte ich zum Beispiel den Bereich Automatisation und Robotik für spannend“, sagt Kühn. Auch Technologie für neue Energien oder das Thema Wasser seien Branchen, in die man zumindest als Beimischung zum eigenen Portfolio investieren könne.
Buchtipp
Gerade ist das Buch „Geldanlage für Anfänger“, Stiftung Warentest Finanztest, von Stefanie und Markus Kühn erschienen. 176 Seiten, 19,90 Euro.