Die Macht der Märchenkulisse

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Prien – Aus der Ferne nähert sich Hufgetrappel und Räderklappern, nur leise zu hören über dem Plätschern der Fontänen. Von der schattigen Allee biegt ein Konvoi von Kutschen auf die Auffahrt zum Schloss, umkurvt frisch zurechtgezupfte Blumenbeete. Was für ein wundersamer Aufzug. Dem ersten Gespann, gezogen von zwei PS, entsteigen die Bundeskanzlerin und der Ministerpräsident. Es folgt sodann die Kutsche mit fünf Personenschützern und zwei Notärzten. Im Weiteren: Eine Kutsche mit drei Regierungssprechern und einem Fotografen, dann anderthalb Dutzend Staatsminister und sonstiger nachrangiger Hofstaat.

„So, wir können“, sagt Markus Söder, seine geputzten Schuhe knirschen im Kies. Ja, er kann, und wie er kann. Es ist ein fast aberwitzig kitschiges Oberbayern-Klischee, das er der Kanzlerin zum Besuch im Freistaat bietet. Per Regierungsmaschine fliegt sie ein, im Blaulichtkonvoi wird sie an den Chiemsee gefahren, auf dem Oberdeck eines geschrubbten Dampfers schippert sie zur gesperrten Herreninsel, im Beiboot die Wasserschutzpolizei, dann die Kutsche und das funkelnde Schloss Herrenchiemsee, Tagung unter 33 Kronleuchtern in der 75 Meter langen Spiegelgalerie. „Ein besonderer Ort“, sagt Merkel, und das ist eine Untertreibung.

Es ist sicher ein regional historischer Besuch, zum ersten Mal ein Kanzler zu Gast in Bayerns Kabinett, aber darum geht es gar nicht so sehr. Nicht, dass sich Merkel, die nüchterne Protestantin, von all dem Klimbim und Hofieren sichtlich beeindrucken ließe, aber wahr ist: Die Kanzlerin kennt Bayern auch anders. Etwa aus ihrem Bundestagswahlkampf 2017, als sie im Nieselregen auf oberbayerischen Marktplätzen ausgepfiffen wurde, busweise reisten ihr Gegendemonstranten hinterher. Oder Söders Wahlkampf 2018, als sie von der Schlusskundgebung in München ausgeladen wurde, unerwünscht. Es muss sich surreal anfühlen jetzt in der Kutsche, oder auf dem Schifferl, als ihr Segler von anderen Booten begeistert zuwinken. „Nach einer längeren Phase nun das Signal eines Miteinander“, sagt Söder.

Signal, ja, das ist das richtige Wort. Denn jeder Moment dieses wundersamen Tages am sonnenüberfluteten Chiemsee ist überladen mit Zeichen und Symbolik. Das Schloss, wo die Väter des Grundgesetzes tagten und das Bekenntnis zum vereinten Europa formulierten, ist die perfekte Kulisse für Merkel, um über ihre EU-Pläne zu reden, die Ratspräsidentschaft. Eigentlich ist Merkel selbst aber auch Kulisse. Für Söder, denn dieser Auftritt ist schon eine dicke Demonstration seines Machtanspruchs.

Er spielt mit den Herrscher-Symbolen und bemüht sich wenig um den Eindruck von Demut. „Ja, das wird immer überinterpretiert“, sagt er kokett, als ihn die erste Journalistin schon am Morgen fragt, ob das nun der Aufbruch für seine Kanzlerkandidatur sei. Da steht er noch in Prien am Hafen, in Hörweite hinter zwei Polizeiabsperrungen drängeln sich Neugierige. Vater (90) und Sohn (59) Voit aus Grassau in der ersten Reihe, sie haben ein Transparent dabei: „Markus Söder Kanzlerkandidat? Ja!“ Söder linst rüber, feixt, er könne das so klein leider nicht lesen. Und steht eine Minute später vor dem Transparent. Natürlich nicht für die Fotografen, die in diesem Moment vor Aufregung durcheinanderpurzeln, sondern nur, um die Menge freundlich aufmerksam zu machen, doch bitte Abstand untereinander zu halten und Maske zu tragen.

Zufall? Niemals. Söder kennt die Kraft solcher Botschaften genau, es waren „MP Söder“-Schilder seiner loyalen Jungen Union, die seinen Machtkampf um die Staatskanzlei entscheidend anschoben. Er hat sich auch sein Geschenk für die Kanzlerin genau überlegt: drei Masken, je eine in Weiß-Blau, Schwarz-Rot-Gold und mit Europafahne – ein bisschen symbolischer Hinweis auf die Corona-Zeit also, aber auch wieder die Reihe Bayern-Berlin-Europa. Sie lächelt freundlich. Dass sie die Masken erst nicht annimmt und er sie wieder einsteckt, ist auf den Fotos nicht zu sehen.

Es ist alles minutiös durchorganisiert an diesem Tag, jeder Schritt geplant. Ob die örtlichen Bürgermeister die Kanzlerin begrüßen dürfen (ja), ob sie ihr Schnaps überreichen dürfen (nein), ob die Fotografen als Erste vom Schiff stürmen dürfen (ja, sie sollen ja viele Fotos von der Kutsche machen), ob die demonstrierenden Landwirte mit 300 Traktoren in die Nähe kommen dürfen (nein). Da fällt es auf, wenn Details unstimmig sind, weil nicht planbar. Wie zum Beispiel ausgerechnet Söders widerspenstiger Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger in Prien sich unter die Journalisten mischt. „Er soll nicht übers Ziel hinausschießen“, sagt er über Söders König-Kutschen-Inszenierung. Und über Merkel in kernigem Aiwanger-Niederbayerisch: „Die hätt’ scho’ früher kommen können“, nicht erst im 15. Jahr ihrer Kanzlerschaft. Er lästert zudem über die Europa-Pläne der Kanzlerin, den Rettungsfonds nach Corona aus einer halben Billion Euro Zuschüssen zu bestreiten – „wo Deutschland das meiste zahlen muss. Das tut politisch weh.“

Darum geht es auch offiziell in der gemeinsamen Sitzung. Merkel wirbt für den Wiederaufbau, „damit Europa wieder auf die Beine kommt“. Sie weiß, dass viele Konservative damit hadern, auch in CDU und CSU. Söder bekennt sich allerdings klar: „Der Rückzug in die nationale Nische kann nicht die Zukunft sein.“ Europa dürfe sich nicht auseinanderdividieren lassen in Schuldner und Gläubiger.

Ihren offiziellen Presseauftritt auf der Insel absolvieren beide im Freien, unter den Linden – im Schlosspark, Sichtachse zum See, demonstrativ per Du. Und schon wieder geht es um Söder, um die K-Frage. Ob er Kanzler könne, wird Merkel direkt gefragt. Es ist der Moment, in dem sogar Söder am Pult hüstelt, zur Cola light greift und Merkel mit Blicken fixiert. „Sie wissen, dass ich nicht mehr zur Wahl antrete“, sagt sie gelassen. Sie erlege sich daher Zurückhaltung auf. „Ich kann nur sagen: Bayern hat einen guten Ministerpräsidenten.“

Söder zuckt nicht, aber wer ihn kennt, weiß: „Gut“ ist ihm nie gut genug. Es bleibt aber ein harmonischer Auftritt. Weil ja die Fotos mehr sagen als alle Worte. Und Merkel weiß genau, worauf sie sich da eingelassen hat, auch sie kann mit Bildern präzise umgehen. Und ist nicht bei Armin Laschet, das kommt vielleicht später, sondern eben hier im Süden. Aus dem Kanzleramt seien in den drei, vier Wochen Planungszeit keine größeren Einwände gekommen, heißt es in München. Allenfalls wird erläutert, es handle sich bei dem Gespann nicht um ein Königsgefährt, sondern um eine „ganz normale Kutsche“.

Sie würzt den Bayern-Besuch sogar mit einer persönlichen Anekdote, das ist selten. „Ich bin hier gewesen, im Alter von sieben“, erzählt sie. Die Eltern waren 1961, kurz vor dem Mauerbau, mit Merkels Großmutter auf Bayern-Reise. Die kleine Angela war auf Herrenchiemsee, durfte aber nicht mit rein ins Schloss, weil man Angst hatte, die Kinder würden Kratzer ins Parkett machen. Sie musste draußen warten.

Jetzt, fast 60 Jahre später, lässt man sie ein. „Ja“, sagt sie mehrdeutig schmunzelnd zu Söder, „ich danke für den Sinn für Premieren.“

Artikel 2 von 2