Bad Hofgastein statt Mallorca

von Redaktion

Die Corona-Pandemie spiegelt sich auch im Nutzerverhalten der Wetter-Apps wider

München – Die Wettervorhersage für Palma de Mallorca ist vielversprechend. Am Samstag winken 29 Grad und Sonnenschein, in den nächsten Tagen gehen die Temperaturen rauf bis 33 Grad, erst Ende Juli droht ein empfindlicher Absturz. Auf 27 Grad. Bei satten fünf Prozent Regenwahrscheinlichkeit.

Die Balearen haben es trotzdem schwer beim deutschen Urlauber. Man kann das an der Debatte um die Exzesse am Ballermann festmachen oder ganz einfach Marius Neumann fragen. Der Geschäftsführer des Portals Wetter.com hat die einschlägigen Daten zur Hand. Im ersten Halbjahr 2020 sank die Zahl der Nutzer, die das Wetter auf Mallorca abfragten, um 67 Prozent. Da spielt zwar auch der Lockdown eine Rolle, als das Interesse an Fernreisen insgesamt nicht mehr groß war. Aber es ist auch ein Trend dieses Sommers.

Während also Mallorca „gerade nicht so spannend“ ist, wie Neumann es ausdrückt, stehen in diesem Sommer Ziele auf dem Reiseplan, die man so nicht zwingend erwartet hätte. Die Datenlage bei wetter.com, mit bis zu 20 Millionen Nutzern in Sommermonaten eines der größten deutschen Portale, ist eindeutig. Die hohen Klickzahlen bei den heimischen Ferienorten decken sich mit den Meldungen von vollen Stränden und abgesperrten Parkplätzen an Nord- oder Ostsee. Auch die Alpen sind gefragt. Dass aber auch Österreich so profitieren würde, gesteht Neumann, „hätte ich nicht gedacht“.

Zum Beispiel Bad Hofgastein im Salzburger Land. Dort habe man im ersten Halbjahr „doppelt so viele Treffer“ wie im vergangenen Jahr gehabt. Und das, obwohl März und April 2020 praktisch aus der Wertung fallen, weil die Leute Wichtigeres zu tun hatten, als sich Urlaubsziele auszuwählen. Die Marktgemeinde Bad Hofgastein – einer der Gewinner des Corona-Sommers.

Eine Wetter-App ist in diesen Zeiten auch so etwas wie ein Fieberthermometer. Das Suchverhalten der Nutzer lässt Rückschlüsse auf ihr Befinden zu. Der Corona-Ausbruch markierte zum Beispiel einen Wechsel von stationärer auf mobile Nutzung – bis heute. Marius Neumann erklärt sich das mit dem Umzug viele Angestellter ins Homeoffice, ein Trend, der noch immer anhält. Früher, das haben ihm damals auch die Daten bestätigt, „haben die Leute im Büro noch mal schnell das Wetter gecheckt, bevor sie nach Hause gefahren sind“. Heute sind sie eh schon zu Hause und nutzen dort eine App.

Auch die Spannbreite der Abfragen ist von der Corona-Lage geprägt. Mitte März, als der Lockdown begann, kam kaum noch jemand auf die Idee, Daten aus Italien oder Spanien abzurufen. Das Interesse ebbte schlagartig ab. Erst Anfang Juli stieg es wieder (wenn auch nicht für Mallorca) und liegt heute nicht mehr weit unter dem Vorjahresniveau. Als habe es Corona nie gegeben. Ein Eindruck, den auch manche Bilder aus Urlaubsorten erwecken.

In gewisser Weise spiegelt sich im Nutzerverhalten auch das deutsche Pandemiegeschehen wider. Heimische Ziele wie Sylt – Westerland hat doppelt so hohe Zugriffszahlen wie 2019 – oder der Bodensee waren ab März ebenfalls buchstäblich abgemeldet. Aber schon Mitte Mai, parallel zur Öffnung der ersten Hotels, erholten sich die Werte wieder.

Ganz anders als die Auslandsabfragen für Ziele in Übersee. In schwierigen Zeiten ist Fernweh weniger ausgeprägt, als man meinen sollte. Zumindest in Zeiten, die auf so spezielle Weise schwierig sind wie diese. Im strengsten Winter mag Florida ein wunderbarer Sehnsuchtsort sein, aber während einer Pandemie ist der Sonnenstaat keine gute Adresse. Florida hat es schwer. Noch viel schwerer als Mallorca.  mb

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