Warum das Virus sogar die Wetteraussichten durcheinanderwirbelt

von Redaktion

Corona hat das Leben auf vielfältige Weise beeinflusst – auch in Bereichen, wo es auf Anhieb kaum auffällt. Dass das Virus sogar die Wettervorhersagen beeinträchtigt, ist ein völlig neues Phänomen.

VON MARC BEYER

München – Den Zusammenhang zwischen Corona und dem internationalen Flugverkehr hat Detlev Majewski am eigenen Leib erfahren. Ende des Jahres geht er in den Ruhestand, seine letzten 48 Urlaubstage hat er sich aufgespart. Nach Singapur sollte es gehen, Malaysia, Australien. Dann kam das Virus und machte sich in entgegengesetzter Richtung von Asien auf den Weg. „Die Reise haben wir uns abgeschminkt.“ Einziger Trost: Die Flüge waren noch nicht gebucht.

In seinem Job beim Deutschen Wetterdienst (DWD) macht Detlev Majewski, der Leiter der Abteilung für Meteorologische Analyse und Modellierung, regelmäßig noch eine ganz andere Corona-Erfahrung. Auch sie hängt mit dem globalen Flugbetrieb zusammen. Die Wettervorhersage ist jetzt ungenauer.

Weil seit Monaten weniger kommerzielle Jets unterwegs sind, die unentwegt Daten übermitteln, haben Meteorologen eine deutlich geringere Zahlenmenge zur Verfügung, um ihre Prognosen zu erstellen. In Vor-Corona-Zeiten schöpfte der Dienst jeden Tag aus rund 350 000 Beobachtungsdaten allein aus Mitteleuropa, die von Flugzeugen kamen. Temperatur, Windgeschwindigkeit, Luftdruck, Feuchte. Im Mai, als der Luftverkehr buchstäblich am Boden lag, waren es nur noch 50 000.

Im Wust der gesamten Datenmenge sind diese Werte ein überschaubarer Posten, einerseits. Zu 80 Prozent bezieht der DWD seine weltweiten Informationen von Satelliten, auch Bodenstationen, Messtürme, Wetterballons oder Radar liefern Zahlen. In guten Zeiten machten Flugdaten zehn Prozent der Gesamtmenge aus, mittlerweile weniger als fünf Prozent.

Andererseits geht es nicht nur um die Quantität. Flugdaten haben den Vorteil, dass bei Start und Landung in kurzer Zeit viele unterschiedliche Höhenlagen erfasst werden. Den Satelliten sind sie in gewisser Hinsicht überlegen, zum Beispiel wenn es um die Übermittlungen von Windmessungen geht. Besonders über dem Atlantik, wo immer reger Betrieb herrschte, schmerzt der Verlust deshalb den Experten. Im Winter, wenn die großen Sturmtiefs sich von der US-Ostküste aus Richtung Europa bewegen, könnte sich das geringere Datenvolumen bemerkbar machen: „Es kann sein, dass wir ein Tief etwas schlechter treffen, in seiner Intensität oder auch in der Zugbahn.“

Sechs Stunden später auf ein nahendes Tief aufmerksam zu werden, vielleicht zwölf, für Fachleute sind das markante Unterschiede. Der Katastrophenschutz ist zwingend auf akkurate Informationen angewiesen. Im Handel mit Wind- und Sonnenenergie wiederum ist eine genaue Vorhersage sogar ein geldwerter Vorteil.

Das Schimpfen auf den Wetterbericht ist fast so alt und so verbreitet wie das Schimpfen auf das Wetter selbst. Aber in diesem Fall ist es unberechtigt. Die Ungenauigkeit ist ein Phänomen, das wohl fast nur den anspruchsvollen Betrachter betrifft. „Der Laie“, sagt Majewski, „merkt es kaum.“

Wie groß die Qualitätsverluste genau sind, haben Meteorologen kürzlich auf Umwegen ermittelt. Das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage im britischen Reading hat aus Werten des vergangenen Jahres sämtliche Flugdaten herausgerechnet. Besonders gravierend war das Minus in einer Höhe von zehn bis zwölf Kilometern – der typischen Reiseflughöhe. Bis zu 15 Prozent schlechter waren die Ergebnisse, in tieferen Lagen fünf bis acht Prozent. In Kombination mit dem Anteil an den Gesamtdaten, der um mehr als die Hälfte abgenommen hat, ergibt das Einbußen von fünf bis zehn Prozent.

Die fehlenden Werte werden auf vielfältige Weise kompensiert. Der DWD schickt an vier Standorten, darunter Oberschleißheim, zweimal täglich Wetterballons in die Atmosphäre, seit Anfang April kommt überall noch jeweils ein weiterer Ballon hinzu. In 30 Kilometern Höhe platzen sie, die Messgeräte fliegen an einem Fallschirm zurück zur Erde, während Auf- und Abstieg werden Daten übermittelt. Aber, gibt Majewski zu bedenken, „das ist ein relativ teures System“.

Die speziell ausgerüsteten Airbus A 321 der Lufthansa, die Feuchte in der Atmosphäre messen, sind hingegen momentan fast gar keine Hilfe. Von neun Maschinen fliegt aktuell nur eine. Rege genutzt wird dafür der Forschungssatellit Aeolus, der 2018 ins All geschossen wurde. „Die Genauigkeit ist deutlich schlechter als bei einem Flugzeug“, sagt Majewski zwar. „Aber immerhin: Wenn man nichts hat, ist man auch dafür dankbar.“

Einbußen in der Genauigkeit sind eine neue Erfahrung für Meteorologen. Jahrzehntelang wurden die Vorhersagen immer präziser. „Eine Sieben-Tage-Prognose heute ist zuverlässiger als vor 50 Jahren die Vorhersage für einen Tag“, sagt Majewski. Innerhalb eines Jahrzehnts steigt die Genauigkeit erfahrungsgemäß um fünf bis zehn Prozent.

Corona hat die Wettervorhersagen also um bis zu ein Jahrzehnt zurückgeworfen. Aber das ist ein kurzfristiger Effekt. Irgendwann werden die Maschinen wieder fliegen, die Daten wieder fließen, die Vorhersagen wieder so präzise sein wie gewohnt. Doch wann dieses Irgendwann ist, darüber gibt man sich beim Deutschen Wetterdienst keinen allzu großen Hoffnungen hin. Detlev Majewski, der den DWD in ein paar Monaten verlassen wird, hat festgestellt: „Jeder hier geht davon aus, dass sich das die nächsten zwei Jahre nicht berappelt.“

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