Der Arzt, dem Remdesivir das Leben gerettet hat

von Redaktion

Joachim Günther aus dem Landkreis München war einer der ersten Corona-Patienten in Bayern, der mit dem Medikament geheilt wurde

München – Er ist selbst ein erfahrener Mediziner, ehemals leitender Oberarzt, und arbeitete bis voriges Jahr in der Augenheilkunde der München Klinik Schwabing. Insofern neigt Dr. Joachim Günther, 64, nicht dazu, bei einer eigenen Erkrankung in Panik zu verfallen. Aber das Chaos, das die Coronaviren in seinem Körper anrichteten, jagte dem Familienvater schon einen gehörigen Schrecken ein.

„Mir ging es derart schlecht, dass ich Wahrnehmungsstörungen an mir feststellte. Alles lief verzögert ab, ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, hatte keine Kraft mehr, war so schwach, dass mir beim Duschen die Brause aus der Hand fiel. Dazu kamen knapp 40 Grad Fieber, starker Husten, Atemnot, Durchfall, Übelkeit und der Verlust des Geruchssinns sowie eine beginnende beidseitige Lungenentzündung – so ziemlich alle Symptome, die von Covid-19 berichtet werden“, erzählt der Arzt, der im Landkreis München lebt.

Dass er die Erkrankung gut überstanden hat, verdankt Günther nicht nur seinen Kollegen im Schwabinger Krankenhaus, sondern auch dem Medikament Remdesivir. „Es hat sich bereits am ersten Tag nach dem Beginn der Behandlung herauskristallisiert, dass der Patient massiv von dem Mittel profitiert“, sagt Chefarzt Professor Dr. Clemens Wendtner. „Am Ende hat mir Remdesivir die Intensivstation erspart – und womöglich sogar das Leben gerettet“, sagt Günther.

Rückblende: Ende März wird der 64-Jährige positiv auf das Sars-Cov-2-Virus getestet, genauso wie seine Frau Beate. Doch während sie einen mittelschweren Verlauf erlebt, verschlechtert sich sein Gesundheitszustand. Der Blutdruck fällt ab, er fühlt sich schlapp, ist ausgetrocknet. Fünf Tage nach der Diagnose bekommt Günther hohes Fieber, drei weitere Tage später massive Atemnot. Mit dem Sanka wird er zunächst in die München Klinik Harlaching eingeliefert, später nach Schwabing verlegt. „Ich hatte von Remdesivir gehört und auf eine Behandlung damit gehofft“, sagt er. Tatsächlich konnte Günther als erster Patient in Schwabing in eine klinische Studie aufgenommen werden. Damals durfte das vielversprechende Medikament ausschließlich im Rahmen von Studien und individuellen Heilversuchen verabreicht werden. Inzwischen ist es offiziell als einziges Medikament speziell zur Covid-19-Behandlung zugelassen. Für den US-Hersteller Gilead ein lukratives Geschäft: Die Dosen für eine fünftägige Therapie – dieser Zeitraum gilt nach Studienergebnissen inzwischen als optimal – kosten pro Patient gut 2300 Euro.

Günther bekam damals noch sieben Tage Remdesivir als Infusion, darüber hinaus Antibiotika, weil sich in seiner Lunge eine bakterielle Superinfektion gebildet hatte. „Schon am zweiten Tag nach dem Therapiestart ging es deutlich bergauf. Konzentrationsfähigkeit und Kraft kehrten zurück.“ Der Aufwärtstrend zeigte sich auch bei den Blutwerten. Vor dem Einsatz des Medikaments war ein wichtiger Entzündungsparameter, das C-reaktive Protein, um das 30-fache erhöht. „Nur einen Tag später war der Wert bereits auf das Zehnfache des Grenzwerts abgesunken“, sagt Prof. Wendtner.

Eine Woche nach der ersten Remdesivir-Infusion (einmal täglich, dauert etwa eine halbe Stunde) konnte Günther die Klinik wieder verlassen. Er ist froh, dass das Mittel bereits zur Verfügung stand, als ihn Covid-19 traf. „Wir sind davon überzeugt, dass wir mit diesem Medikament künftig noch vielen Leidensgenossen von Herrn Günther helfen können“, sagt Chefarzt Wendtner. ANDREAS BEEZ

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