München – In der Corona-Krise entwickelt sich die Rückkehr zur Normalität immer mehr zur Geduldsprobe. Trotz der Fortschritte in der Forschung. „Mit einem Impfstoff für alle ist erst 2022 zu rechnen.“ Zu dieser Einschätzung kommt der renommierte Münchner Corona-Experte Professor Dr. Clemens Wendtner im Gespräch mit unserer Zeitung.
Zwar ist der Chefarzt der Infektiologie der München Klinik Schwabing grundsätzlich optimistisch, dass die Entwicklung eines Impfstoffs gelingen und dieser bereits im nächsten Jahr zur Verfügung stehen wird. „Das bedeutet aber noch lange nicht, dass dann sofort die gesamte Bevölkerung durchgeimpft werden kann.“ Zum einen erfordere die Massenproduktion des Impfstoffs einen gewissen Zeitraum, zum anderen sei wahrscheinlich eine Mehrfach-Impfung – wie bei der Influenza-Impfung auch – erforderlich, sagt Wendtner. „Ich bin skeptisch, dass eine einmalige Impfung ausreichen wird, um eine Immunität zu erzielen.“
Vor dem Hintergrund einer drohenden zweiten Covid-19-Welle im Herbst warnt der Experte vor Leichtsinn – insbesondere während des Sommerurlaubs. „Es wäre fahrlässig, wenn wir uns nicht mehr an Schutzmaßnahmen wie Mindestabstand und Maskenpflicht in bestimmten heiklen Situationen halten“, sagt er. Gleichzeitig müsse neben der Impfstoffentwicklung auch die Forschung an Therapien mit Hochdruck weiter vorangetrieben werden. Ein Lichtblick dabei: Remdesivir, das als erstes Medikament im Kampf gegen Covid-19 offiziell zugelassen worden ist (siehe Artikel unten). „Es ist sicherlich kein Allheilmittel, kann aber vielen Patienten effektiv helfen“, sagt Wendtner.
Der Impfstoff – so weit ist die Forschung
Auf der ganzen Welt forschen mehr als 150 Pharmaunternehmen an einem Impfstoff, darunter auch deutsche Firmen wie Curevac (finanziert von Software-Milliardär Dietmar Hopp), Biontech und Ethris aus München. Wer am Ende das Rennen macht und wie effektiv der Impfstoff sein wird, gilt derzeit noch als völlig offen.
Der Schwabinger Corona-Experte Wendnter sieht Forschungsansätze aus den USA und England derzeit einen Schritt voraus. So arbeiten beispielsweise Wissenschaftler der Uni Oxford an einem Mittel, das nicht nur die Bildung von speziellen Antikörpern gegen das Sars-Cov-2-Virus fördert, sondern auch die Produktion bestimmter T-Zellen anregt. Erste Studien brachten vielversprechende Ergebnisse. Die T-Zellen könnten der Schlüssel dazu sein, tatsächlich eine Immunität zu erzielen. Denn Antikörper alleine reichen auf Dauer möglicherweise nicht aus, um die Viren in Schach zu halten. Diese Befürchtung nähren aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse aus Schwabing. Hier betreuen Wendnter und sein Team unter anderem die ersten bestätigten Covid-19-Patienten in Deutschland, die sich bei der Starnberger Firma Webasto infiziert hatten. Inzwischen zeige sich bei manchen von ihnen bereits ein Rückgang der sogenannten neutralisierenden Antikörper, sagt Wendtner.
Das Medikament, das Hoffnung macht
Es ist zwar nur ein Baustein bei der Behandlung von Covid-19, aber ein bedeutender: Remdesivir – ein Mittel, das ursprünglich vor einigen Jahren gegen Ebola entwickelt worden ist, soll vor allem viele schwer kranke Corona-Patienten retten. In dieser Patientengruppe sinke die Sterblichkeit unter Einsatz des Mittels von 11,7 auf 8 Prozent, berichtet Wendtner. Außerdem verkürzt sich die durchschnittliche Krankheitsdauer von 15 auf 11 Tage. Die effektivste Therapiedauer betrage fünf Tage.
„Am größten sind die Erfolgsaussichten, wenn das Medikament in einem möglichst frühen Stadium der Erkrankung verabreicht wird“, sagt Wendtner. Er beruft sich auf weltweite klinische Studien mit 7600 Patienten. 80 von ihnen wurden in Deutschland behandelt, 24 davon am Klinikum rechts der Isar und zehn in der München Klinik Schwabing. Die globalen Erkenntnisse führten letztlich dazu, dass Remdesivir Anfang des Monats auch in Europa zugelassen worden ist.
Und so soll das Medikament wirken: Viren brauchen menschliche Wirtszellen, um sich darin vermehren zu können. Sie kopieren sich praktisch selbst. Dies geschieht im Falle der Sars-CoV-2-Viren nicht nur in der Lunge, sondern in vielen Zellen des menschlichen Körpers, wodurch eine Entzündung verursacht wird. Remdesivir verlangsamt die Replikation durch Hemmung eines viralen Enzyms, der RNA-Polymerase. Dadurch wird die Vervielfältigung der Viren verlangsamt. Statistisch gesehen profitiert immerhin etwa jeder zweite Patient von der Behandlung mit Remdesivir.
Das Problem dabei: Das Mittel könnte in absehbarer Zeit bereits knapp werden – vor allem, falls die Corona-Fallzahlen in Deutschland im Herbst wieder stärker ansteigen sollten. Dabei spielt auch US-Präsident Donald Trump eine Rolle. Er hat dafür gesorgt, dass das kalifornische Pharmaunternehmen Gilead seine Remdesivir-Produktion in den nächsten Wochen fast ausschließlich an das US-Gesundheitsministerium liefert.
Momentan seien die Vorräte in Deutschland ausreichend, betont der Chefapotheker der München Klinik, Dr. Steffen Amann. In Depots der Bundeswehr lagern größere Remdesivir-Bestände, die sich die deutschen Behörden bereits vor der Trump-Intervention gesichert haben. Sie werden deutschlandweit verteilt – von 18 Zentren, darunter das Klinikum der Ludwig-Maximilian-Universität für Südbayern und die München Klinik Schwabing für Nordbayern.
Dass die Bundesbehörden die Bestände gebunkert haben, war eine kluge Entscheidung. Denn inzwischen liefert Gilead das jetzt zugelassene Arzneimittel Veklury mit der Substanz Remdesivir nicht mehr aus und macht auch keine Aussage dazu, wann sich dies ändern wird. „Das ist keine ideale Situation“, kritisiert Corona-Experte Wendtner. Chefapotheker Amann formuliert es deutlicher: „Ich halte es für eine äußerst ungute Situation, wenn – wie im Falle der USA – eine Regierung in den freien Arzneimittelmarkt eingreift.“ Wendtner sieht „mittelfristig die deutsche Politik gefordert, mit den Amerikanern über eine Lösung zu sprechen“.
Derweil forschen die Schwabinger Experten an weiteren Medikamenten gegen Covid-19. Als vielsprechend stuft Chefarzt Wendtner das Mittel Acalabrutinib ein. „Es stammt aus der Leukämie-Therapie und soll bei Covid-19 – vereinfacht gesagt – den Entzündungsprozess bremsen“, sagt er. „Die ersten Versuche sind ermutigend.“