Wenn Erdogan einen Lieblingssultan hat, dann ist es sicher Mehmet II., genannt Fatih – der Eroberer. Er war es, der die Hagia Sophia nach der Eroberung Konstantinopels (heute: Istanbul) 1453 von einer Kirche in eine Moschee umwandelte. Die Eroberung markierte den Untergang des Byzantinischen und den Aufstieg des Osmanischen Reiches als Großmacht. Die Umwandlung der Hagia Sophia war das Symbol dieses Sieges.
Das Gebäude ist ein Architekturwunder, das immer wieder im Mittelpunkt von politischen Konflikten stand. Schon die Errichtung der Hagia Sophia war eine „Machtdemonstration“ von Kaiser Justinian, wie es Justinian-Experte und Professor für Alte Geschichte an der Universität Tübingen, Mischa Meier, beschreibt. Der Kaiser habe die Kirche nach dem Nika-Aufstand von 532 errichten lassen, den er ausgenutzt habe, um die Opposition, darunter viele Senatoren, zu eliminieren. Mit dem konfiszierten Vermögen der Senatoren habe er die Hagia Sophia finanziert. „Diese Machtdemonstration war gerichtet auf die traditionelle römische Elite, die Justinian größtenteils verachtet hat, weil er aus ganz kleinen Verhältnissen aufgestiegen war.“
Fast ein Jahrtausend lang war die Hagia Sophia das größte Gotteshaus der Christenheit. Sie war Hauptkirche des Byzantinischen Reiches. Ab dem 7. Jahrhundert wurden dort die Kaiser gekrönt. Wie der Petersdom für die Katholiken, so sei die Hagia Sophia für alle orthodoxen Christen auf der Welt ein wichtiges Symbol, sagt Metropolit Ilarion vom Moskauer Patriarchat.
Die Kuppel wurde 562 neugebaut und ist bis heute erhalten. Sie hat einen Durchmesser von knapp 31 Metern, die Scheitelhöhe beträgt 56 Meter. Durch die architektonische Konzeption scheint sie über dem Kirchenraum zu schweben. Die Hagia Sophia war der Höhepunkt der christlichen Architektur der frühbyzantinischen Kunst und erreichte bis dahin unbekannte Dimensionen.
2019 zog die Hagia Sophia nach offiziellen Angaben 3,7 Millionen Besucher an und war damit das meistbesichtigte Museum in der Türkei. Der Eintritt von 100 Türkischer Lira (rund 13 Euro) fällt nach Angaben von Erdogan in Zukunft weg. Seit 1985 gehört die Hagia Sophia als Teil der Istanbuler Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe, doch die Unesco ist verwundert. Über die Änderungen sei man nicht informiert worden, sagt der Mediendirektor der Organisation. Er betont, dass die Türkei jegliche Änderung mit der Unesco diskutieren müsse. sts/dpa