Ein Affront gegen die christliche Welt

von Redaktion

VON CHRISTOPH SCHMIDT

Istanbul – Alle internationalen Proteste waren vergeblich. Der blau-grüne Teppich ist verlegt. Er soll 14 000 Quadratmeter groß sein, dem Vernehmen nach hat ihn der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan selbst bezahlt. Auf ihm sollen Muslime ab heute fünfmal am Tag zu Gebeten niederknien. Für Erdogan geht damit ein „Traum aus Jugendjahren“ in Erfüllung. So sagt er es selbst.

Die Tribüne für die TV-Teams steht schon. Die ganze Welt soll sehen, was hier geschieht – denn ab heute wird die Hagia Sophia in Istanbul wieder eine Moschee sein. Rund 2000 geladene Gäste sollen zur Eröffnung an dem muslimischen Freitagsgebet teilnehmen. Die byzantinischen Mosaike aus jener Zeit, als das Gotteshaus größte Kirche der Christenheit war, sollen dann verhängt sein, denn solche Bildnisse sind in Moscheen eigentlich verboten. Endlich werde der Bau von den „Fesseln der Knechtschaft“ befreit, sagt Erdogan. „Die Verwandlung der Hagia Sophia zurück in eine Moschee nach 86 Jahren als Museum ist das natürlichste Recht unserer Nation.“

Dass Erdogan diesen Schritt tatsächlich unternimmt, hatten selbst Türkeikenner lange für unmöglich gehalten. Zu symbolbeladen erschien das Bauwerk, zu groß der Affront gegenüber Christen. Doch wie bei seinen außenpolitischen Abenteuern in Syrien, Irak und Libyen pfiff Erdogan auf diplomatisches Gespür und forcierte die Rückwidmung. Am 10. Juli erteilte das Oberste Verwaltungsgericht dafür die Erlaubnis. Laut einer Umfrage befürworten angeblich 70 Prozent der Türken diesen Akt.

Doch er wirkt wie aus der Zeit gefallen. Wenn Erdogan dabei immer wieder auf die „nationale Souveränität“ pocht, meint er damit letztlich das schnöde Recht des Stärkeren, symbolische Machtpolitik im Stil früherer Jahrhunderte. Schließlich war die 537 geweihte Kirche eine Siegtrophäe der Osmanen, die das byzantinische Konstantinopel, das heutige Istanbul, 1453 in einem blutigen Gemetzel eroberten und die Hagia Sophia zur Moschee umwidmeten (siehe Kasten). Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk machte daraus 1934 ein Museum. Insofern bedeutet die Rückumwandlung der Hagia Sophia in ein islamisches Gebetshaus auch einen Triumph über den kemalistischen Laizismus, den Erdogan durch die gesellschaftliche Re-Islamisierung der Türkei gründlich ausgehöhlt hat. Dafür spricht auch das Datum 24. Juli, das Erdogan nach eigenem Bekunden bewusst gewählt hat. Denn an diesem Tag erkannten 1923 die europäischen Mächte im Friedensvertrag von Lausanne die erkämpfte Grenzziehung der neuen Türkei nach dem Ersten Weltkrieg an. Mit der Wahl dieses Tages unterstreicht der Präsident somit den Umbau einer Republik, die Staat und Kirche trennt, in ein zutiefst islamisch geprägtes Staatswesen. Zu den Lausanner Beschlüssen zählte auch die Aussiedlung der meisten orthodoxen Christen nach Griechenland und der dortigen Muslime in die Türkei. Für das Miteinander der Religionen ist der 24. Juli ein schwarzer Jahrestag.

Die Empörung fiel nach der Entscheidung deutlich aus. Das US-Außenministerium zeigte sich „enttäuscht“. Der Schritt entferne die Türkei von Europa, erklärte die katholische EU-Bischofskommission COMECE. Das Oberhaupt der Orthodoxen in Griechenland, Erzbischof Hieronymos, warf Erdogan eine „Instrumentalisierung der Religion“ vor.

Ankara fährt derweil eine Doppelstrategie. Die Hagia Sophia stehe „absolut offen für alle – Gläubige, Nicht-Gläubige, Muslime, Christen und Buddhisten“. Die Türkei lade „jeden ein, den Papst eingeschlossen“, sagte Präsidentensprecher Ibrahim Kalin. Papst Franziskus hatte zuvor überraschend bekundet, er empfinde „großen Schmerz“ über die Umwandlung. Die Religionsfreiheit in seinem Land sei in bester Ordnung, fügte Kalin hinzu. Christliche Hilfswerke zeichnen jedoch ein düsteres Bild von der Lage religiöser Minderheiten in der Türkei.

Seine national-islamische Klientel, auf deren Wählerstimmen er in der Wirtschaftskrise mehr denn je angewiesen ist, bedient Erdogan unterdessen mit markigen Sprüchen über die Wiederherstellung islamischer Größe bis hin zur „Befreiung“ der Al-Aksa-Moschee in Jerusalem. Dabei hat der Präsident in der arabischen Welt kaum Freunde. Lob für seinen Hagia-Sophia-Kurs erhielt er dort vor allem von islamistischen Wortführern und der Hamas.

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