Passau/München – In Kroatien am Strand liegen. Das wäre sicher angenehmer, als bei knapp 30 Grad auf einem Rastplatz zu stehen. In einem Schutzanzug. Zwölf Stunden am Stück. Katrin Sonntleiner lässt ihren Urlaub kommende Woche trotzdem sausen – und testet stattdessen Urlaubsrückkehrer an der A 3 bei Passau auf Corona. „Das ist schon in Ordnung“, sagt die 27-Jährige. „Mein Freund und ich haben die Reise wegen der Pandemie sowieso abgesagt. Jetzt können wir etwas Sinnvolles machen.“ Seit neun Jahren helfen die beiden ehrenamtlich beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK). Sonntleiner lacht. „Ich freue mich sogar drauf.“
Am Montagmorgen war Markus Söder mit seinen Plänen vorgeprescht, neben den Standorten an den Flughäfen auch an den Hauptbahnhöfen München und Nürnberg sowie an den Autobahn-Grenzübergängen Pocking, Walserberg und Kiefersfelden Teststationen zu errichten. Bei der Umsetzung ließ der Ministerpräsident aufs Tempo drücken. Schon ab heute Morgen sollen sich Reisende auf der A 3, auf der A 8 (Rastanlage Hochfelln Nord), und auf der A 93 (übergangsweise Rastplatz Inntal-Ost; ab 7. August Heuberg) auf das Virus testen lassen können. Zunächst freiwillig. „Da derzeit keine generelle rechtliche Verpflichtung zur Durchführung eines Corona-Tests besteht, wird aktuell nicht kontrolliert, ob sich Einreisende testen lassen“, sagt eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums unserer Zeitung.
Das könnte sich ändern. Für Rückkehrer aus Corona-Risikogebieten sollen die Tests bald verpflichtend sein. Diese Anordnung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) soll kommende Woche in Kraft treten. Ob dann auch kontrolliert wird, sei offen, heißt es aus dem bayerischen Ministerium. Man müsse die Verordnung des Bundes abwarten.
An den Hauptbahnhöfen soll die Testmaschinerie von 7 bis 23 Uhr laufen, an den Flughäfen von 5 bis 23 Uhr. Hier an der Autobahn wird rund um die Uhr getestet – auch am Wochenende und an den Feiertagen. Gestemmt wird das unter Federführung des BRK überwiegend von ehrenamtlichen Kräften der bayerischen Hilfsorganisationen. Sie rotieren in Zwölf-Stunden-Schichten, immer 30 Leute gleichzeitig.
So wie Katrin Sonntleiner. Heute ist ihr erster Tag am Rasthof Donautal-Ost. Schichtbeginn: Sieben Uhr. Ihr Arbeitsplatz besteht aus einem Wartebereich, Schaltern zur Registrierung und drei Zelten für die Corona-Tests. Wer sich testen lassen möchte, stellt sein Auto zuerst ab und geht zu Fuß in den Wartebereich – das BRK hat aus Sicherheitsgründen auf einen Drive-In verzichtet, weil Autofahrern durch den tiefen Rachenabstrich übel werden könnte. Alle sechs Stunden sollen die Proben in ein Labor gebracht werden, die Getesteten werden benachrichtigt. Innerhalb eines Abends ist auf dem Rastplatz eine Teststation entstanden, die für bis zu 3000 Reisende pro Tag ausgelegt ist.
„In dieser Kürze eine so große Teststation aufzubauen, ist eine logistische Mammutaufgabe“, sagt Dieter Hauenstein, Landesbereitschaftsleiter des BRK, am Mittwochnachmittag. Er koordiniert alle Stationen in Bayern – ständig klingelt sein Telefon, und auch hier gibt es immer wieder Fragen an den Chef: Wo sollen die Stehtische hin? Wo sollen die Rettungswagen parken? Und woher soll man noch heute genug Probenröhrchen bekommen? Hauenstein bleibt entspannt. „Das war vielleicht alles etwas kurzfristig geplant“, sagt er, „aber Katastrophen werden ja auch nicht vorangekündigt.“ Die eigentliche Herausforderung sei nicht der Zeitdruck, sondern die fehlende Erfahrung: „Wir wissen überhaupt nicht, was auf uns zukommt – es ist ja unklar, wie viele Menschen sich freiwillig testen lassen wollen.“ Ob am Ende auch wirklich alles reibungslos klappt, hing gestern Abend nur noch davon ab, ob das Gesundheitsamt genügend Ärzte und Teströhrchen zur Verfügung stellen kann.
Die Staatsregierung geht von einer hohen Testnachfrage aus. Der Freistaat hat auch noch Spielraum. Die tägliche Kapazität von derzeit rund 27 000 Tests könne auf bis zu 34 000 Tests ausgeweitet werden, heißt es.
Auch das BRK wird seine Kapazitäten vorerst voll ausschöpfen. Trotzdem werden von drei Zelten immer nur zwei im Betrieb sein, sagt Hauenstein. „Damit eines immer Pause machen kann.“ Die Einsatzkräfte sollen bei der Hitze nicht länger als 40 Minuten ihren Schutzanzug tragen. OP-Haube, FFP2-Maske, schwere Sicherheitsschuhe, ein Ganzkörperanzug und drei Paar Handschuhe – übereinander angezogen. „Ich glaube, wir können uns sicher fühlen“, sagt Sonntleiner. Allerdings zweifelt sie ein wenig an der Bereitschaft der Menschen, sich freiwillig testen zu lassen – immerhin sind viele schon seit Stunden aus dem Urlaub unterwegs.
Während die Aufbauarbeiten bei Passau langsam dem Ende zugehen, fangen sie an der Raststätte Hochfelln an der A 8 erst gegen 17 Uhr an. „Wir sind hier sicher noch bis 22 Uhr beschäftigt“, sagt BRK-Rettungsdienstleiter Jakob Goess. Alles hat sich verzögert, auch weil man kurzfistig noch einen Container-Lieferanten finden musste. „Morgen früh um 8 Uhr geht der Betrieb los“, sagt Jakob Goess. Dann soll auch hier alles stehen.