München – Es ist ein Ort für große Träume. Am 16. Juli 1968 startete vom Kennedy Space Center im Osten Floridas die „Apollo11“ und brachte die ersten Menschen auf den Mond. Nur wenige Kilometer entfernt liegt die Cape Canaveral Air Force Station. Von hier schickten die USA gestern ihren nächsten großen Traum auf die Reise. Um 13.45 Uhr europäischer Zeit erhob sich eine Atlas-V-Rakete in einem gewaltigen Feuerball. An Bord der größte und intelligenteste Mars-Rover, den die NASA je entwickelt hat. In sieben Monaten soll „Perseverance“ den 480 Millionen Kilometer entfernten roten Planeten erreicht haben. Die Mission ist Teil eines viel größeren Plans: irgendwann Astronauten auf den Mars zu schicken. Amerikas nächsten Neil Armstrong.
Bis 2028 wollen die Amerikaner eine Mondsiedlung errichten, die eines Tages als Basis für den bemannten Aufbruch zum Mars dienen soll. Aber nicht nur die USA sind an dem Erdnachbarn interessiert. Erst vor einer Woche hat China einen Rover gen Mars geschickt, wenige Tage zuvor starteten die Vereinigten Arabischen Emirate eine eigene Mars-Mission.
Was den Mars so faszinierend macht, ist die Hoffnung auf Leben. Der vierte Planet unseres Sonnensystems zählt zu den erdähnlichen Planeten und vor rund dreieinhalb Milliarden Jahren soll es auf ihm noch warm und feucht gewesen sein. Tiefe verästelte Täler ziehen sich über die Oberfläche. Auch aktive Vulkane gab es. Die Forschung ist sich deshalb sicher, dass einst flüssiges Wasser über den Mars floss – so wie auf der Erde. Und dass es Zeiten gab, in denen es auf dem Mars alle Zutaten für die Entstehung von Leben gab. All das nährt die Vision, eines Tages könnten Menschen auf dem Planeten leben.
„Perseverance“, was auf Deutsch Ausdauer bedeutet, soll Antworten auf die vielen noch offenen Fragen liefern. Der Rover soll nach mikrobakteriellem Leben suchen, Klima und Geologie erforschen. Es ist nicht der erste Rover, den die US-Raumfahrtbehörde NASA zum Mars geschickt hat, aber im Vergleich zu seinen vier Vorgängern ist „Perseverance“ ein Ausnahmekönner.
Neben 23 Kameras und zwei Außenmikrofonen hat „Perseverance“ einen Mini-Hubschrauber dabei. Der kleine Gefährte im Bauch des eine Tonne schweren Rovers wiegt gerade mal 1800 Gramm, die Rotorblätter von „Ingenuity“ (Einfallsreichtum) bringen es auf 3000 Umdrehungen pro Minute – das Vielfache eines Helikopters. Der neue Mars-Rover kann zudem Kohlendioxid aus der Mars-Atmosphäre in Sauerstoff umwandeln. Ein Experiment, das grundlegend ist für die ersehnte Reise von Astronauten zum Mars.
An Bord ist auch deutsche Technik. Thermosensoren des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien in Jena können berührungslos die Oberflächentemperatur messen. Aus Bayern kamen Daten zum Marsgestein, mit denen der Rover gefüttert wurde (siehe Interview unten).
Im Februar 2022 soll „Perseverance“ im Jezero Krater landen – einem 45 Kilometer breiten und vor mehr als drei Milliarden Jahren ausgetrockneten Flussdelta. „Das ist für mich der aufregendste Teil der Mission: in dem Flussdelta zu landen, das so vielversprechend ist“, sagte Thomas Zurbuchen, Wissenschaftsdirektor der NASA. „Wir wollen nicht nur Bilder sehen und Zahlen bekommen, sondern wir wollen Proben in den besten Laboren auswerten, die uns zur Verfügung stehen hier auf der Erde.“
Das freilich wird dauern. Denn für den Rover ist es eine Reise ohne Wiederkehr. „Perseverance“ soll Proben sammeln und auf dem Mars bereitlegen, ehe seine Lebenszeit irgendwann endet. Frühestens 2026 soll dann eine Folgemission starten, die Proben einsammeln und zurück auf die Erde bringen. Dies wäre eine Premiere in der Erforschung des Mars.
Ob und wann eine bemannte Mission möglich sein wird, steht in den Sternen. Die Strapazen wären enorm. Strahlung und Schwerelosigkeit setzen dem Menschen stark zu, ebenso die Kälte mit im Schnitt minus 63 Grad. Die Astronauten müssten 15 Monate auf dem roten Planeten bleiben, bis Mars und Erde wieder auf derselben Seite der Sonne sind. Auch die medizinische Versorgung bereitet Kopfzerbrechen – und die heftigen Staubstürme auf dem Mars, die die Sonne teils für Monate verdunkeln und die Solarversorgung lahmlegen würden.
Die Visionäre schreckt das nicht ab. Tesla- und SpaceX-Gründer Elon Musk träumt von einer dauerhaften Besiedlung und will eine erste Mars-Expedition nutzen, um eine Fabrik zu bauen, die Marswasser und Kohlendioxid in Sauerstoff und Methantreibstoff umwandelt. Der Präsident der Mars-Gesellschaft, Robert Zubrin, spricht von „neuen Ablegern der menschlichen Zivilisation“ auf dem Planeten.
Andere halten den Traum von Kolonien auf dem Mars für eine Seifenblase. „Wir haben einen wunderbaren Planeten mit Sauerstoff und Wasser“, sagte der Astrobiologe Michel Viso von der französischen Raumfahrtagentur CNES. „Es ist kriminell, den Menschen weismachen zu wollen, es gebe mit dem Mars einen Planeten B.“