Die Rezession, in der die Welt steckt, ist weitaus schlimmer als nach der Lehman-Krise. Die war allerdings auch von Land zu Land sehr differenziert und traf den Süden Europas viel stärker als den Norden. Jene Länder, die ohnehin strukturelle Schwierigkeiten hatten und sie nur mittels einer massiven Auslandsverschuldung übertüncht hatten, kamen damals auch nicht wieder hoch.
Selbst Frankreich kann man in dieser Hinsicht teilweise zum Süden rechnen. Das Land stürzte damals so stark ab wie Deutschland. Doch während Deutschland innerhalb nur eines Jahres v-förmig wieder auf das alte Niveau zurückkehrte, blieb Frankreich bei 90 Prozent seiner ehemaligen Industrieproduktion stehen. Italien ist noch stärker abgestürzt als Deutschland und hängt seit Jahren irgendwo bei 20 Prozent weniger Industrieproduktion.
Noch etwas schlimmer war es in Spanien und Griechenland. Portugal lag zwischen Italien und Frankreich. All diese Länder sind nicht wieder hochgekommen. Und das ist bis zum heutigen Tage, bis zur Corona-Krise, zwölf Jahre nach Lehman, das Dauerproblem in Südeuropa.
Ich kann mir vorstellen, dass die Corona-Krise wieder ähnliche Effekte hat. Einige Länder sind massiv getroffen und werden kaum wieder auf die Beine kommen. Dazu würde ich auf jeden Fall Italien und auch Spanien rechnen. Nach den ersten Informationen, die beim Abfassen dieser Zeilen im Juni 2020 verfügbar sind, ist Spaniens Industrieproduktion bis zum April 2020 um 29 Prozent unter das Vorkrisenniveau vom Herbst 2007 gefallen und Italiens gar um 32 Prozent, nachdem es unmittelbar vor der Corona-Krise auf einem Plateau gelegen hatte, das „nur“ um 20 Prozent darunter lag. Das sind Werte, die an jene erinnern, die in Deutschland während der großen Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 verzeichnet wurden.
Für Länder wie Italien oder Spanien sehe ich eine ähnliche Entwicklung wie 2009, nämlich nicht eine V-Kurve, also nach einem scharfen Rückgang eine ebenso rasche Rückkehr zum Vorkrisenstand, sondern eine Kurve wie ein umgekehrtes Wurzelzeichen: Es geht runter, und es geht ein Stück weit wieder hoch, aber eben nicht auf das alte Niveau. Soweit die Lieferkontakte zwischen Deutschland und diesen Ländern auch für die Prosperität der deutschen Firmen verantwortlich sind, wird es auch hierzulande etwas verhalten weitergehen. Aber auch hier ist es vermutlich ähnlich wie 2009. Obwohl ein Teil der Länder, mit denen man intensive Lieferbeziehungen hatte, nicht wieder auf einen grünen Zweig kamen, gelang es der deutschen Wirtschaft, schnell wieder auf ihr altes Niveau zurückzukehren, weil sie sich auf die weite Welt hin ausgerichtet hatte.
Trotz der europäischen Integration und des Euro hat sich der Handel mit den westlichen EU-Ländern längst nicht so schnell entwickelt wie der Handel mit dem Rest der Welt und verlor relativ gesehen in den letzten 20 Jahren zunehmend an Bedeutung für Deutschland – ganz im Gegensatz zu den häufig zu hörenden Behauptungen im politischen Raum.
Auch für Deutschland besteht natürlich die Gefahr, dass wir uns nicht so schnell erholen wie 2009. Warum? Weil wir ein politisches Problem mit der fast gewollten Zerstörung der alten Automobilindustrie haben. Hier besteht eine gewisse Parallele zu Corona: Aus Schutz vor dem Coronavirus halten wir die Räder der Industriegesellschaft an, machen die Läden zu und erzeugen dadurch die ökonomische Krise. Aus Schutz vor dem Klimawandel machen wir die alte Automobilindustrie weitgehend zu und zwingen sie, zu einer neuen zu werden, die dann Elektroautos im großen Stil bauen soll, was die Kunden aber weniger erfreut als die meisten Umweltpolitiker.
Das ist eine dauerhafte Behinderung eines bis vor Kurzem noch prosperierenden Wirtschaftszweiges, von dem sehr viel in Deutschland abhing und der als das Rückgrat der deutschen Industrie gelten kann.
Deswegen muss man die Aussage zu Deutschland, die ich gerade gemacht habe, ein bisschen relativieren. Wir haben nicht solche Probleme wie die Südeuropäer, bei Weitem nicht, aber wir werden wahrscheinlich den Teil der Krise, der schon seit dem Sommer 2018 läuft, nicht zurückdrehen können. Das, was vorher angelegt war und sich schon realisiert hatte, das bleibt.
Dessen ungeachtet werden wir aber die konjunkturelle Krise, in die uns das Virus gestürzt hat, sehr schnell überwinden. Interessanterweise sind die Börsen fast noch optimistischer als ich. Direkt nachdem die Erkenntnis sich verbreitet hatte, dass die Corona-Epidemie vor der westlichen Welt nicht haltmacht, setzte Panik ein, und die Börsen stürzten so schnell ab wie noch nie. Montag, der 16. März 2020 kann als schwarzer Montag gelten, denn da war die Stimmung auf einem Tiefstand, und alle Börsen der Welt befanden sich im freien Fall.
Zwischen dem 19. Februar, dem vorläufigen Höhepunkt beim Dax-Wert, bis zum Tiefpunkt am 18. März gingen 38,7 Prozent des Kurswertes der Dax-Papiere verloren. Interessanterweise kehrte aber da schon der Optimismus zurück. Muss wusste, dass China die Produktion wieder aufnehmen würde, und es verdichtete sich die Erwartung, dass die Zentralbanken der Welt die Märkte mit frisch gedrucktem Geld fluten würden, indem sie damit auf den Märkten intervenieren und Wertpapiere kaufen würden.
Die Kehrtwende kam deshalb so schnell, wie der Absturz gekommen war. Bereits Anfang Juni hatte der Dax wieder ein Niveau erreicht, das nur noch um sechs Prozent niedriger war als auf seinem Höhepunkt kurz vor der Corona-Krise.
Gemessen am Aktienmarkt reiht sich die Corona-Krise bislang als eine kleinere Krise in die Geschichte der Weltbörsen ein. Die bis dato schlimmste Krise war die große Weltwirtschaftskrise, die beginnend mit dem September 1928 etwa 85 Prozent der Börsenwerte in den USA vernichtete. Es folgte das Platzen der Dotcom-Blase, das nach dem 7. März 2000 zu einem Verlust von 73 Prozent der Dax-Werte führte. Dann kam die Lehman-Krise, die ab dem 13. Juli 2007 vorübergehend 60 Prozent der Dax-Werte zerstört hatte, gefolgt von dem sogenannten Gründercrash, der nach dem März 1873 deutsche Aktienwerte zu etwa 55 Prozent vernichtete.
Die Anleger sollten ihre Freude im Moment noch etwas zurückhalten. Denn zum einen stammt der Optimismus nicht allein von der Realwirtschaft, sondern begründet sich auf den Kaufprogrammen der Zentralbanken weltweit, mit denen Wertpapierkurse ganz generell gestützt wurden. Und zum anderen ist ja noch nicht sehr viel Zeit verstrichen. Die Gründerkrise dauerte fast drei Jahre, und sowohl der Absturz nach der Dotcom-Blase als auch während der Weltwirtschaftskrise zog sich knapp zwei Jahre hin. So gesehen kann noch viel passieren in dieser Corona-Krise. Wann sie vorbei ist, weiß man erst im Nachhinein.
„Der Corona-Schock: Wie die Wirtschaft überlebt.“
Hans-Werner-Sinn, Herder Verlag. 224 Seiten. 18 Euro.