Tristesse am Ballermann

von Redaktion

VON JUDITH UND CHR. HOPPE

Palma – Samstag, 16 Uhr, Playa de Palma, 32˚C. Wo sonst die feierwütige Meute am „Ballermann“ an einem der schönsten Strände Mallorcas in vollen Zügen das Leben genießt, ist es ruhig geworden. Es ist alles so normal wie es nur sein kann. Der Strand ist gut besucht, aber nicht überfüllt. Hie und da plärren ortsübliche Stimmungsaufheller aus mobilen Lautsprechern, die Lautstärken sind mit „dezent“ wohl umschrieben, gleiches gilt für vereinzelte kleine Gruppen, die Trinksprüche singend zum Besten geben. Wohin das Auge reicht – es geht spürbar gesittet zu an den Gestaden der einstmals hemmungslos Feiernden. Nichts ist mehr berühmt, schon gar nicht mehr berüchtigt. Trotz des nach wie vor erlaubten Alkoholverkaufs wirkt niemand betrunken. Für Ballermann-Verhältnisse ist es geradezu gespenstisch ruhig.

Keine Liegen mehr am Strand

Die Situation ist ein wenig skurril. Denn während es am Festland für Katalonien mit der Touristenmetropole Barcelona sowie die westlich davon liegenden Regionen Aragón und Navarra seit Freitag wieder eine offizielle Reisewarnung der Bundesregierung gibt, gilt das für Mallorca nicht. Man kann also getrost hinfahren. Es waren die Spanier selbst, die die Reißleine gezogen haben.

Bilder scheinbar ungezügelt feiernder Jugendlicher am Ballermann nährten die Angst vor einer erneuten Corona-Welle. Die Gesundheitsministerin der Balearen schloss deshalb am 15. Juli alle Lokale in den wichtigsten Partymeilen – darunter die Carrer del Pare Bartomeu Salvà und die Carrer de Miquel Pellisa – besser bekannt als Schinken- und Bierstraße an der Playa de Palma.

Die Stadtverwaltung stellt seitdem keine Liegen, Strandkörbe oder Sonnenschirme mehr auf. Alles, was den Strandbesuch versüßt, muss man selber mitbringen. In der Öffentlichkeit gilt Maskenpflicht, auch wenn die Abstandsregeln eingehalten werden können. Lediglich am Strand, an der Uferpromenade sowie beim Sport darf auf den Mund-Nasenschutz verzichtet werden. Die Bademeisterstation ist besetzt, das Publikum bunt gemischt. Deutsche, Spanier, Engländer, Skandinavier. Familien mit Kindern, ältere Paare und junge Cliquen. Polizisten, die die neuen Regeln kontrollieren, sind nicht zu sehen, die Polizeistation am Strand wirkt verwaist.

Anna und Mario aus Niedersachsen sind mit ihren drei Kindern zum ersten Mal überhaupt im Ausland. „In Deutschland muss ich ja auch eine Maske zum Einkaufen aufsetzen, von daher fühlt sich das nicht so viel anders als zu Hause an“, sagt Anna. „Wir sind eigentlich in einem Hotel an der Ostküste untergebracht. Da wir heute aber die Kathedrale in Palma besuchten, haben wir die Badesachen eingepackt und waren natürlich auch neugierig auf den Ballermann.“ Den Urlaub vermiesen lassen durch Corona? Nein, sie sind froh, dass die Reisebeschränkungen rechtzeitig aufgehoben wurden und die lang ersehnten Familienferien nicht ins Wasser gefallen sind.

Beate und Stefan (Namen geändert) sitzen mit drei Freunden an der Uferpromenade. Aus einem kleinen Lautsprecher sprudelt Musik, sie trinken mitgebrachtes Dosenbier. „Wir leben zum Teil auf Mallorca, kennen die Partymeile hier sehr gut. Es ist schade, dass das Ganze zuletzt so eskaliert ist“, sagt Beate. „Wir waren an dem Abend, der zum Shutdown führte, selber im Bierkönig. Bis das Kamerateam auftauchte, war eigentlich alles recht ruhig. Dann wurden die Besucher aufgefordert, die Arme nach oben zu reißen und Stimmung zu machen. Zuerst fanden wir gut, dass gezeigt wird, wie die Leute sich wieder freuen können. Es dann so zu verdrehen, ist nicht in Ordnung,“ findet sie. Es habe ja etliche Vorschriften gegeben. „Aber so richtig kontrolliert hat das keiner.“

Der Regierung sei es recht so, sagen manche

Die Luft am Ballermann ist raus, darüber reden wollen die meisten nicht – oder nur anonym. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, die Inselregierung habe es geradezu darauf angelegt, abschreckende Bilder in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Partymeile sei ihr schon lange ein Dorn im Auge, man wolle sie erst diskreditieren und dann dauerhaft schließen. Bislang war die Insel groß genug, damit alle Urlauber für ihre Bedürfnisse die richtige Umgebung fanden: Die Partymeute am Ballermann, die Wanderfans im Unesco-Schutzgebiet der Sierra Tramuntana, Golfer auf den vielen gepflegten Greens, Individualurlauber auf privaten Fincas oder in schicken Stadthotels in Palma mit seinen ausgezeichneten Restaurants.

Für die geschlossenen Bars, Restaurants und die noch geöffneten Minimärkte bedeutet der erneute Shutdown womöglich das endgültige Aus. Ali steht am Deutschen Kiosk an der Kasse und versucht, sich seine Verzweiflung nicht allzu sehr anmerken zu lassen: „Im Sommer mache ich normalerweise pro Tag einen Umsatz von 6000 Euro. Jetzt herrscht hier trotz der Aufhebung der Reisebeschränkungen gähnende Leere. Ich kann froh sein, wenn ich am Ende des Tages zwischen 80 und 100 Euro in der Kasse zähle.“ Resigniert hebt er die Schultern, schaut auf die leere Straße, gibt das Wechselgeld für eine Flasche Wasser heraus und wünscht noch einen schönen Tag.

Nur noch 20 Prozent des Umsatzes

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Büro von Viajes Tecno Tours: Wo im Sommer sonst Hochbetrieb herrscht, Touristen Autos leihen, Ausflüge zu den Tropfsteinhöhlen oder auf den Partybooten buchen, herrscht gähnende Leere. Jetzt, in der Hochsaison, mache er vielleicht noch 15 bis 20 Prozent des gewohnten Umsatzes, erzählt der Chef. „Es gibt weniger junge Leute, die hier zurzeit Urlaub machen und ich habe das Gefühl, dass die Familien mit Kindern Angst haben, sich vom Strand oder Hotelpool weg zu bewegen. Was momentan noch einigermaßen läuft, ist der Verleih von Mietwagen, mit dem sie dann in Eigenregie unsere schöne Insel erkunden können.“

Ständig wechselnde Vorschriften lassen den Urlaub auf Mallorca als kleines Abenteuer erscheinen, auf das man sich einlassen muss. Die Angst, zu Hause in Quarantäne zu müssen, sollten weitere Party-Exzesse von nun kleineren und verlagerten Treffpunkten bekannt werden, schwebt über dem Aufenthalt mit. Jeder scheint das Beste aus der Situation machen zu wollen. Doch von der Hochstimmung und Lebensfreude, die hier in den vergangen Jahren herrschte, ist man am Ballermann derzeit weit entfernt.

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