Beirut – Die Einwohner Beiruts sind Kummer gewohnt. Doch die Explosion im Hafen der Stadt am Mittelmeer war so mächtig, dass sie alles in den Schatten stellt, was die Menschen bislang erlebt haben. Die Videos von der Detonation erinnern an den Abwurf einer Atombombe. Ein riesiger Pilz aus Staub schießt am Dienstag in den Himmel. Die Druckwelle ist so gewaltig, dass sie Hochhäuser zerstört und Menschen zu Boden schleudert. Zurück bleibt ein Bild der Verwüstung. Und eine Stadt unter Schock.
Der Hafen, die Lebensader des Landes, liegt in Schutt und Asche. Auch die angrenzenden Wohngebiete, darunter Beiruts berühmte Ausgehviertel, sind zerstört. Kein Haus bleibt ohne Schäden. Selbst in Orten 20 Kilometer von Beirut entfernt gingen Fensterscheiben zu Bruch.
Auch die Opferzahl ist verheerend: Mindestens 135 Menschen starben, etwa 5000 wurden verletzt. Beiruts Gouverneur Marwan Abbud schätzt, dass bis zu 250 000 Einwohner ihre Wohnungen verloren haben. Der Politiker war so verzweifelt, dass er bei einem Besuch am Unglücksort vor laufender Kamera in Tränen ausbrach. Die Regierung verhängte einen zweiwöchigen Ausnahmezustand.
Ein Geruch von Tod und Blut liegt noch am Mittwoch, einen Tag nach der Explosion, über der Stadt. Menschen fegen die Scherben zusammen. Manche sprechen von einer „Apokalypse“. „Wir haben einen Bürgerkrieg erlebt, wir haben schon früher Bomben gehört“, sagt der Ingenieur Sam Saidan. „Aber nichts war wie das hier.“
Serkan Eren, 36, ist erst seit ein paar Tagen im Land. Der Stuttgarter hat die Hilfsorganisation „Stelp“ gegründet und wollte gerade außerhalb von Beirut erste Kontakte knüpfen, als die Explosion passierte. „Wir sind sofort zurück in die Innenstadt gefahren“, sagt er. „Die Stadt war ein Trümmerfeld, überall Blut, Sirenen, Chaos. Das Militär ist angerückt. Die Menschen haben geschrien.“ Eren ist die ganze Nacht lang von Haus zu Haus gerannt und hat versucht, den Verletzten zu helfen. Die Pension, in der er lebt, wurde zerstört. „Ich habe mich durch die Trümmer gekämpft“, sagt er, um wenigstens Pass und Rucksack zu retten. „Wenn ich auf die Straßen schaue, dann frage ich mich, was dieses Land noch alles aushalten muss.“
In den Kliniken spielten sich Szenen der Verzweiflung ab. Das ohnehin geschwächte Gesundheitssystem war mit der Versorgung einer so großen Zahl von Opfern überfordert. Ein älterer Mann saß am Dienstagabend vor dem Krankenhaus der Amerikanischen Universität und wartete auf eine Behandlung, der Körper mit Blut bedeckt. „Ich war in der Küche am Kochen, als ich plötzlich in Richtung des Wohnzimmers geschleudert wurde“, erzählt er. „Erst dachte ich an ein Erdbeben.“
Offenbar gab es im Hafen zunächst eine erste Explosion, gefolgt von kleineren, wie bei einem Feuerwerk. Dann folgt die zweite, verheerende Detonation. Eine Frage überschattet alles: Wie konnte es zu dieser gewaltigen Explosion kommen? Schnell verbreiteten sich Gerüchte, das verfeindete Nachbarland Israel habe die libanesische Schiitenorganisation Hisbollah bombardiert. Dafür gibt es aber keine Hinweise. Tel Aviv beleuchtete sogar am Abend sein Rathaus mit der libanesischen Flagge.
Vieles spricht für ein Unglück. Möglicherweise wurde die Explosion durch eine große Menge Ammoniumnitrat ausgelöst, die seit Jahren ohne Sicherheitsvorkehrungen im Hafen gelagert worden sein soll (siehe Randspalte). Es gibt Berichte, wonach es schon vor einem halben Jahr Warnungen von Experten gab, die sagten, die Chemikalie werde „ganz Beirut in die Luft jagen“, wenn sie nicht verlagert werde. Die Regierung beschloss gestern, die Verantwortlichen des Hafens unter Hausarrest zu stellen.
Der Libanon ist schon lange ein geplagtes Land. Erst brach eine Wirtschaftskrise über die Menschen herein, die schlimmste seit dem Ende des 15-jährigen Bürgerkrieges vor rund 30 Jahren. Dann verschärfte Corona die Lage. Die nationale Währung, das libanesische Pfund, ist abgestürzt. Große Teile der Bevölkerung sind unter die Armutsgrenze gerutscht. Sie geben dafür einer korrupten Machtelite die Schuld.
Beobachter warnen nun vor weiteren Engpässen. Der Libanon hängt von Lieferungen aus dem Ausland ab, die über den Hafen liefen. „Diese Explosion ist der Sargnagel für die Wirtschaft“, sagt der Analyst Makram Rabah. Im Hafen seien die Getreidesilos zerstört worden. „Wenn wir uns die Zerstörung dieser Silos anschauen, bedeutet das, dass wir auf eine Hungerkrise und Engpässe bei Brot zusteuern.“
Einer Frau, die am Hafen lebt, steht der Schock am Tag danach noch ins Gesicht geschrieben. „Wir sind obdachlos, wir sind am Ende“, schreit sie. „Ich wünschte, ich wäre gestorben.“