Auf Station R3a im Klinikum rechts der Isar wird es nicht mal nachts ruhig und dunkel: Hier werden Patienten behandelt, denen das Coronavirus schwer zugesetzt hat. Viele müssen beatmet werden, Arzneien versetzen sie in tiefen Schlaf. Andere sind halbwach, hören das rhythmische Pumpen der Beatmungsgeräte und bekommen mit, wenn diese Alarm geben.
In der Hochphase der Corona-Pandemie „war es hier 24 Stunden hell und laut“, erzählt Marina Ufelmann, 34, die als Fachkrankenschwester auf der Intensivstation arbeitet. Sie weiß, wie belastend so eine Situation für Patienten sein kann. Oft verschmelzen für diese Traum und Wirklichkeit. Später wissen Betroffene dann nicht mehr, was sie tatsächlich gehört oder erlebt haben – und was nur geträumt. Andere können sich an gar nichts erinnern. „Es bleibt eine Lücke im Leben“, sagt Ufelmann. Sie und ihre Kollegen füllen diese mit persönlichen Tagebüchern für jeden Patienten.
In Skandinavien gibt es diese schon länger. Am Klinikum rechts der Isar sammelt man seit November 2019 Erfahrungen damit. „Auf Station R3a gab es die Tagebücher aber noch nicht“, sagt Ufelmann. Mit Corona und dem Besuchsverbot ging dann alles ganz schnell. „Wir wollten das jetzt auch.“
Seit 20. April gibt es nun für jeden Corona-Patienten ein solches Intensivtagebuch, ein gestalteter Ringhefter. Anfangs waren es nur 14, nach zwei Monaten schon um die 40. Jeden Tag nehmen sich die Pflegenden einige Minuten, oft nach Feierabend, um aufzuschreiben, wie es dem Patienten an diesem Tag ergangen ist. „Hallo, liebe Frau Hilbers, Sie brauchen keine Dialyse mehr! Wie schöööön!“, steht darin zum Beispiel. Sehr persönlich, es geht hier nämlich um den ganzen Menschen.
Zu einem Schatz werden diese Tagebücher für Angehörige, wenn ein Patient den Kampf gegen Corona verloren hat. „Sie haben uns die Tagebücher regelrecht aus den Händen gerissen“, erzählt Ufelmann. In solchen Fällen gebe es eine kleine Trauerfeier mit dem Klinik-Seelsorger vor der Intensivstation. Dort werden die Tagebücher an die Angehörigen übergeben – zusammen mit einem letzten Foto.
Ein würdiges Bild, das die manchmal „grausamen“ Bilder der Fantasie ersetzen soll, wie es Seelsorger Thomas Kammerer ausdrückt. Denn nicht immer können sich Angehörige verabschieden. Ufelmann erzählt von einem älteren Herrn, dessen Frau in Quarantäne war, als er den Kampf gegen Corona verlor. Als die Pflegenden den Verstorbenen in einen Leichensack legen wollten, wurde ihnen klar: „Wir werden jetzt die Letzten sein, die ihn sehen“, sagt Ufelmann. „Nicht seine Frau, die mehr als 50 Jahre mit ihm verheirat war.“
Umso mehr freut sie sich, wenn Patienten den Kampf gewinnen und ihr Tagebuch selbst mit nach Hause nehmen können. Ob und wann sie dann darin lesen wollen, entscheiden sie selbst. Ufelmann erzählt von einer Patientin, die zu Beginn der Pandemie auf die Intensivstation kam. „Sie kann sich an keinen von uns erinnern, an kein Gesicht, auch nicht an die Station selbst“, sagt sie.
Eine Lücke von drei Monaten, die das Tagebuch vielleicht einmal füllen wird. Studien zeigen, dass solche Intensivtagebücher helfen können, die teils traumatischen Erfahrungen besser zu verarbeiten. Ob das auch bei dieser Patientin gelingt, ist offen. Noch hat sie nicht hineingeschaut. „Sie ist noch in der Klinik. Das ist einfach noch zu frisch“, sagt Ufelmann.