„Wir sind deutlich besser vorbereitet“

von Redaktion

Bayerns Krankenhäuser sehen sich für künftige Corona-Ausbrüche gerüstet – und fordern mehr Geld von Söder

München – Siegfried Hasenbein ist „vorsichtig optimistisch“. Warum der Chef der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG) daran zweifelt, dass uns eine neue Corona-Welle wie im Frühjahr droht, erklärt er im Interview.

Herr Hasenbein, am Wochenende haben in Berlin Tausende ohne Abstand und Masken demonstriert. Was denken Sie bei solchen Bildern?

Ich bin wirklich erschrocken. Erstens verstehe ich diese Ignoranz nicht. Und zweitens geht von diesen Leuten ein erhebliches Risiko aus, weil sie neue Ausbrüche auslösen können. Man kann seine Meinung zum Ausdruck bringen, aber man muss die Regeln befolgen. Was in Berlin passiert ist, ist verantwortungslos.

Fürchten Sie eine zweite Corona-Welle?

Wir spüren in den Krankenhäusern bisher nichts davon. Wir haben zwar vereinzelt noch Corona-Patienten, aber die Situation ist absolut beherrschbar und kein Vergleich zum Frühjahr. Ich bin kein Virologe: Aber ich bin mir nicht sicher, ob überhaupt eine zweite Welle kommt. Jedenfalls nicht, wenn man darunter Infektionszahlen wie im Februar und März versteht. Das ganze Krisenmanagement hat ja deutlich an Erfahrung zugelegt. Bei aufkeimenden Hotspots wird mittlerweile sehr schnell und erfolgreich gehandelt. Wir können wirkungsvoller dagegenhalten.

Auch die Krankenhäuser?

Ja. Auch wir sind deutlich besser vorbereitet. Wir haben Intensivkapazitäten erhöht, haben unsere Abläufe eingestellt und mehr Schutzausrüstung. Auch das Freiräumen und Herunterfahren ganzer Betriebe geht jetzt schneller. Vieles ist besser als im Frühjahr. Und schon damals war unser Gesundheitssystem ja nicht überlastet.

Das klingt optimistisch.

Ich bin tatsächlich vorsichtig optimistisch. Aber die Voraussetzung ist eben, dass wir alle uns weiter an die Regeln halten. Besorgt bin ich, weil die Sensibilität und das Verantwortungsbewusstsein mancher Bürger nachlässt. Wir waren im Frühjahr sehr diszipliniert. Das ist ein wichtiger Grund dafür, dass wir vergleichsweise glimpflich davongekommen sind.

Was halten Sie davon, wenn bald wieder Bundesligaspiele vor Publikum stattfinden sollen?

Ich kann den Wunsch nach Lockerungen verstehen. Es ist Sommer, alle sehnen sich in die Normalität zurück. Aber für mich ist es nicht vorstellbar, dass im September tausende Menschen im Fußballstadion zusammenkommen. Das wäre auch gegenüber anderen Bereichen unverhältnismäßig, die wie Kunst und Kultur mit schweren Restriktionen leben müssen.

Es gibt Forderungen, die Zahl der Krankenhäuser deutlich zu reduzieren. Was hätte das in der Krise bedeutet?

Wir haben in der Krise gesehen, wie wichtig das Zusammenspiel von Krankenhäusern ist. So konnten die Kliniken sich gegenseitig entlasten und unterstützen. Die Diskussion darüber, dass wir zu viele Kliniken haben, ist zwar nicht ganz aus der Luft gegriffen. Nicht jede Klinik kann dauerhaft als Akutkrankenhaus bestehen bleiben, und gebündelte Kompetenzen bringen eine Verbesserung für den Patienten. Aber wichtig ist: Für die Erstversorgung müssen auch die Entfernungen zumutbar sein.

Wie viele Krankenhäuser können wir uns leisten?

Wir müssen uns leisten, was notwendig ist. Dazu muss sich auch die Art der Finanzierung ändern. Ein Krankenhaus muss heute seine Betriebskosten alleine über die Menge seiner Behandlungen finanzieren. Das setzt natürlich den falschen Anreiz, in wirtschaftlicher Not möglichst viel zu behandeln und auf der Personalseite zu sparen. Um aus diesem Hamsterrad rauszukommen, müssen wir die Vorhaltekosten für kleinere, aber bedarfsnotwendige Krankenhäuser unabhängig von ihren Leistungen bezahlen. Die Feuerwehr würde ja auch niemand nach der Anzahl ihrer Einsätze finanzieren.

Neben Betriebskosten fallen auch Investitionskosten an, für die die Länder aufkommen sollen. Tut Bayern das ausreichend?

Nein, auch wenn Bayern besser ist als andere Länder. Es gab vor zwei Jahren eine deutliche Erhöhung. Die Finanzierung durch den Freistaat ist aber trotzdem nicht ausreichend, sondern damit erst wieder auf einem Stand wie zur Jahrtausendwende. Wenn Ministerpräsident Markus Söder von einem „Rekordniveau“ spricht, ist das in eine sehr positiv klingende Formulierung verpackt. Aber es ist leider falsch.

Bayern steckt jährlich 643 Millionen Euro in seine Kliniken. Wie viel müsste es Ihrer Meinung nach sein?

Das Bundesinstitut InEK kalkuliert den Förderbedarf in Bayern bei rund 800 Millionen Euro jährlich.

Interview: Sebastian Horsch

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