München – Seit Beginn der Corona-Pandemie geht Schweden einen umstrittenen Weg (siehe Interview). Dreh- und Angelpunkt der Strategie des Chefepidemiologen Anders Tegnell ist die sogenannte Herdenimmunität – die Schweden bis dato nicht erreicht hat und nach Einschätzung von Experten auch nicht erreichen wird.
Herdenimmunität sei „bei etwa zwei Drittel Durchseuchung anzunehmen“, sagt Prof. Dr. med. Josef Eberle, Virologe am Max von Pettenkofer-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Also bei rund 67 Prozent der Bevölkerung. Schwedens Chefepidemiologe Tegnell spricht aktuell von 20 bis 40 Prozent Immunität – in Stockholm wohlgemerkt.
„Um den Zustand der Herdenimmunität zu erreichen, müsste man viele Infektionen bei Personen mit geringem Risiko – etwa Jung, ohne Diabetes, ohne Bluthochdruck – zulassen, ohne die Obergrenze der zur Verfügung stehenden Intensiv-Betten zu überschreiten“, erklärt Prof. Eberle weiter. Nur: Aufgrund der „allem Anschein nach begrenzten Dauer einer natürlichen Immunität“ sei das schwierig – und wenn man nach Schweden schaue, auch dort nicht absehbar.
Dass der schwedische Weg per se falsch war bzw. ist, würde Prof. Eberle zwar nicht pauschal sagen. Allerdings gibt es eine große Einschränkung: „Man müsste alle Personen mit höherem Erkrankungsrisiko zuverlässig schützen – soweit diese das wünschen“, erklärt er weiter. Das aber „hat in Schweden offensichtlich nicht funktioniert“. Vor allem in Alten- und Pflegeheimen gab es besonders viele Todesopfer.
Zur Einordnung: Schweden hat 57 Tote je 100 000 Einwohner – in Deutschland sind es hingegen nur 11. Zwischendurch war Schweden sogar das Land mit der weltweit höchsten Corona-Sterblichkeit. Die meisten Länder Europas wollten solche Szenarien verhindern – und verhängten Lockdowns. Im übertragenen Sinn haben sie damit die Entwicklung gebremst, allerdings nicht gestoppt. Das wird aller Voraussicht nach erst mit einem Impfstoff gelingen. „Uns bleibt bei der aktuellen Lage nur weiter die Zuversicht auf einen wirksamen Impfstoff“, bestätigt auch Prof. Eberle. „Und bis dahin Maßnahmen, um Infektionen weitgehend zu verhindern.“ Eine der wichtigsten Maßnahmen sei dabei die Maske, darin sind sich Virologen einig – im Gegensatz zum schwedischen Chefepidemiologen Tegnell, der den Nutzen infrage stellt.
Prof. Eberle sagt indes: „Ein Virus ist nix Magisches, es lebt auf der Schleimhaut.“ Und verbreitet sich via Tröpfcheninfektion. Dabei gelangen Krankheitserreger, die im Rachenraum oder im Atmungstrakt siedeln, beim Niesen, Husten und Sprechen durch winzige Speichel-Tröpfchen an die Luft – und werden dann von einem anderen Menschen eingeatmet oder direkt über die Schleimhäute der oberen Luftwege aufgenommen, etwa durch einen Kuss. Vereinfacht ausgedrückt hält eine Maske diese Tröpfchen zurück. Prof. Eberle rät daher: „Maske tragen bei weniger als 1,5 Meter Abstand“ – drinnen und draußen. Und: „In Räumen zusätzlich viel permanente Lüftung sowie wenig Menschen im selben Raum.“ BARBARA NAZAREWSKA