Auf dem Weg zur mächtigsten Frau der USA

von Redaktion

VON FRIEDEMANN DIEDERICHS

Washington – Es ist ein politischer Meilenstein: Kamala Harris ist die erste Farbige, die für einen Präsidentschaftsposten nominiert ist. Und sie wäre auch die erste Frau als Vizepräsidentin. Die Demokratin Geraldine Ferraro scheiterte 1984 an der Seite von Walter Mondale gegen Ronald Reagan, die Republikanerin Sarah Palin 2008 an der Seite von John McCain gegen Barack Obama.

Harris sitzt seit 2017 im US-Kongress und stellt sich als progressive Linke innerhalb der Demokraten dar. Wenn Joe Biden am 3. November die Wahl gewinnt, wird er an seinem ersten Arbeitstag mit 78 Jahren bereits älter sein, als es Ronald Reagan an seinem letzten Tag im Weißen Haus mit 77 Jahren war. Es ist also nicht undenkbar, dass Kamala Harris ihn aus gesundheitlichen Gründen schon in der ersten oder einer zweiten Amtszeit ablösen könnte. Denn Biden zeigt schon jetzt die Tendenz zu Erinnerungsschwächen. Was muss man also über die Frau wissen, die sogar US-Präsidentin werden könnte?

Familie

Kamala Harris wurde in Oakland (Kalifornien) als ältestes von zwei Kindern einer aus Indien stammenden Onkologin und eines aus Jamaika stammenden Wirtschaftsexperten geboren. Als Kind besuchte sie gleichzeitig eine Baptistenkirche für Schwarze und einen Hindu-Tempel.

Nach der Scheidung der Mutter zog die Familie vorübergehend nach Kanada, wo Kamala im Alter von 13 Jahren ihre erste Demo organisierte – weil die Hausverwaltung Kindern das Spielen auf dem Rasen verboten hatte.

Nach der Schule studierte sie Politik, Wirtschaft und Jura. Und begann, in San Francisco als Staatsanwältin zu arbeiten. Als Glücksfall entpuppte sich eine Affäre als 29-Jährige mit dem verheirateten und 30 Jahre älteren Willie Brown, damals Bürgermeister in San Francisco. Brown, ein Afroamerikaner, berief Harris in mehrere gut dotierte Gremien. Das legte den Grundstein für ihren Aufstieg zur Justizministerin von Kalifornien. Die kinderlose Harris ist seit 2014 mit einem Anwalt für die Hollywood-Industrie verheiratet.

Politik

Der größte Ballast von Harris ist ihre Vergangenheit als höchste Strafverfolgerin in Kalifornien. Jahrelang verteidigte sie die Todesstrafe. Harris brachte zudem mehr als 1000 Menschen in Kalifornien wegen Marihuana-Konsums ins Gefängnis – obwohl sie an der Uni nach eigenen Angaben selber Hasch geraucht hatte. Seit sie als Senatorin in Washington arbeitet, setzt sie sich aber für eine Legalisierung dieser Droge ein.

Im Zuge der Rassismus-Debatte hat die 55-Jährige Gutmachungszahlungen gefordert, damit Schwarze vom „Trauma der Sklaverei“ (Harris) genesen könnten. Bisher hat Harris vermieden, sich linken Forderungen anzuschließen, Polizeidirektionen Geldmittel zu entziehen oder die Polizei ganz aufzulösen. Stattdessen regte sie eine Debatte an, wie mehr Sicherheit mit weniger „Cops“ erreicht werden könne. Ihre Wikipedia-Seite wurde im letzten Monat 408 mal redigiert, wobei vor allem der Hinweis auf kontroverse politische Entscheidungen entfernt wurde.

Partei

Harris hatte stets ein gutes Verhältnis zu Barack Obama, der ihre Nominierung „als guten Tag für unser Land“ bezeichnete. Als Obama 2008 seine Bewerbung für das Präsidentenamt bekannt gab, war Harris die erste Politikerin aus Kalifornien, die sich offiziell hinter ihn stellte.

Joe Biden hat sich viel Zeit bei der Wahl des „Running Mate“, des Bewerbers um die Vizepräsidentschaft, genommen. Denn Harris hatte selbst die Präsidentschaftskandidatur angestrebt und die beiden gerieten im parteiinternen Wahlkampf mehrfach aneinander – wobei Harris zeigte, wie schlagfertig und forsch sie sein kann. Im Zuge der Black-Lives-Matter-Debatte kam Biden an der farbigen Harris kaum mehr vorbei. Ihre Beziehung gilt aber insgesamt als gut. Sollte Joe Biden tatsächlich gegen Donald Trump gewinnen, könnte es also sein, dass die Amerikaner auch ihre erste Präsidentin gewählt haben.

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