Die Nummer zwei im Rampenlicht

von Redaktion

War das Amt des Vizepräsidenten einst ein Trostpreis, wird die Auswahl des Kandidaten heute immer bedeutsamer

München – Vizepräsidenten standen in der US-Geschichte meist im Schatten des Präsidenten. Ursprünglich war der Posten ein Trostpreis: In den ersten Jahren nach der Staatsgründung wurde Vizepräsident, wer bei der Präsidentschaftswahl auf Platz zwei landete. Das änderte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

In der Verfassung findet sich wenig über die konkreten Aufgaben des „Vice President“, der wegen der Abkürzung VP umgangssprachlich „Veep“ genannt wird. Protokollarisch ist er die Nummer zwei im Staat. Sein tatsächlicher Einfluss hängt stark davon ab, wie viel Raum der Präsident ihm lässt – und wie er selbst das Amt gestaltet.

Einer der mächtigsten Vizepräsidenten der US-Geschichte war Dick Cheney, der George W. Bush von 2001 bis 2009 als Stellvertreter diente. Biden, unter Präsident Barack Obama in den folgenden acht Jahren Vize, übernahm eine Reihe wichtiger Aufgaben. Der derzeitige Vize Mike Pence gilt dagegen als relativ wenig einflussreich und spielt eine sehr leise zweite Geige.

Die Verfassung sieht für den Vizepräsidenten eine entscheidende Rolle vor: Er rückt als Präsident nach, wenn der Amtsinhaber stirbt, das Amt nicht mehr ausfüllen kann, zurücktritt oder des Amtes enthoben wird. So wurde Lyndon B. Johnson 1963 nach der Ermordung von John F. Kennedy Präsident. Elf Jahre später löste Gerald Ford den im Zuge der Watergate-Affäre zurückgetretenen Richard Nixon ab.

Der Vizepräsident ist Kraft seines Amtes Vorsitzender des US-Senats. Ein Stimmrecht hat er aber nur, wenn es in der Kongresskammer mit den 100 gewählten Senatoren zu einer Pattsituation kommt. Dann gibt seine Stimme den Ausschlag.

Die Suche des Vize-Kandidaten ist ein kompliziertes Casting mit vielen Variablen – und viel wahltaktischem Kalkül. Der Vize soll den Präsidentschaftskandidaten ergänzen, Schwächen ausgleichen. Er soll zudem Wählergruppen erreichen, zu denen der Hauptkandidat einen weniger guten Zugang hat. Ziel kann es auch sein, politische Strömungen innerhalb einer Partei abzubilden. So könnte ein liberaler Präsidentschaftskandidat aus dem Norden einen konservativen Stellvertreter aus dem Süden auswählen. In den vergangenen Jahrzehnten wurde es immer wichtiger, dass der Kandidat und sein Vize harmonieren.

Joe Biden hatte schon im März versprochen, mit einer Frau in den Wahlkampf ziehen zu wollen – in der US-Geschichte gab es noch nie eine Vizepräsidentin. Infolge der Black-Lives-Matter-Proteste wuchs der Druck, sich für eine schwarze Kandidatin zu entscheiden.  afp

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