Überlebenskampf in der Münchner City

von Redaktion

VON KATHRIN BRAUN

München – Wenn Martin Bauer hinter dem Tresen steht, wirkt er entspannt. Das mag an der klassischen Musik liegen, die er aufgelegt hat. Vor allem aber an seinem Auftreten – sommerlicher Baumwollanzug, offener Hemdkragen, bunte Socken. Die Wahrheit ist aber: Hinter ihm liegen belastende Monate. Und noch ist keine Besserung in Sicht. Sein Geschäft „Herkert Herrenausstatter“, seit 57 Jahren in Familienbesitz, kämpft um seine Existenz. So wie viele Läden in der Münchner Innenstadt. „Wir bemühen uns, am Leben zu bleiben“, sagt er.

Es ist ein Bild, das man eigentlich nicht aus München kennt: verwaiste Schaufenster, leere Ladenflächen, immer wieder „Zu vermieten“-Schilder. Und das in feinsten Innenstadt-Lagen. Der Disney-Store an der Kaufingerstraße: geschlossen. Auch das Modegeschäft Desigual an der Neuhauser Straße ist dicht – bald soll hier ein Gastronom einziehen. Für Sport Münzinger ist Ende des Jahres Schluss, S. Oliver hat schon aufgegeben. „Das ist dramatisch“, sagt Wolfgang Fischer, der Chef von „City Partner“, dem Verband für Innenstadthändler. „So sah die Stadt seit Jahrzehnten nicht mehr aus.“

Nur wenige Meter von der Fußgängerzone entfernt, in der Eisenmannstraße, verkauft Martin Bauer Anzüge und Trachtenjanker. Als eine Kundin seinen Laden betritt, begrüßt er sie mit ihrem Namen. „Kommen Sie wegen des Hemds, das Sie für Ihren Bruder gekauft haben?“ fragt er sie. Er kennt fast jeden seiner Kunden. Das gehört zu seinem Geschäft, sagt er später, und das macht es besonders. „Wenn Sie das nächste Mal kommen, weiß ich in der Regel wie Sie heißen und was Sie gekauft haben.“ Dann zögert er kurz. „Läden wie unseren wird es nur irgendwann nicht mehr geben.“

Damit meint Bauer den traditionellen, inhabergeführten Einzelhandel. Seine Eltern haben das Geschäft aufgebaut; Bauers 85-jährige Mutter arbeitet bis heute da. Es lief gut die letzten Jahre, aber seit dem Lockdown bleiben Umsätze aus – 20 bis 30 Prozent Rückgang im Vergleich zum Vorjahr. „Wir hatten immer ein internationales Publikum“, sagt Bauer. Das fehlt jetzt.

Das sei momentan das größte Problem für den Einzelhandel, sagt Wolfgang Fischer von City Partner. Im Vergleich zum Vorjahr seien gut 35 Prozent weniger Menschen in der Innenstadt unterwegs. „Von 18 Millionen Übernachtungen im Jahr“, sagt er, „kommt die Hälfte von internationalen Gästen.“ Die meisten von ihnen bleiben wegen Corona jetzt auch weg. Deswegen treffe die Krise München stärker als zum Beispiel Hamburg, wo bis zu 80 Prozent der Touristen aus Deutschland kommen.

Besonders betroffen sind Souvenirläden. Viele der Shops, die rund um das Hofbräuhaus Mitbringsel wie Steinkrüge und Zinnteller verkaufen, sind vorübergehend geschlossen. Marion Richtsfeld, 56, hat Glück. Mit ihrem Souvenirladen „Obacht“ in der Ledererstraße hebt sie sich von der Masse ab. Mitten im Laden steht eine Nähmaschine, und die hat sie vor allem während des Lockdowns benutzt. Sie hat Taschen genäht – und vor allem Masken. „Weil wir selbst produzieren, kommen auch Einheimische zu uns“, sagt sie.

Das reicht aber nicht, um alle Kosten zu decken. Vor allem nicht in München, wo die Ladenmieten schnell mal 200 bis 300 Euro kosten. Pro Quadratmeter und Monat. „Ich bin zwar zuversichtlich, dass wir uns wieder aufrappeln“, sagt sie. „Aber ich merke auch, dass mir ein bisschen die Freude, das Engagement fehlt.“ Dann zeigt sie auf das große Regal gefüllt mit Stoffdackeln und Gummibrezn. „Vor dem Lockdown haben wir alles schön bestückt. Dann wurde mein Laden zum Ausstellungsraum. Weil alles stand und stand und stand.“

Existenzängste hat sie nicht – auch wenn die Umsatzeinbußen alarmierend sind. „Nichts wird sich über Nacht verändern“, sagt sie. „Und ich bin mir sicher, dass sich eines ohnehin nie ändern wird: Die Menschen wollen rausgehen, wollen die Produkte anlangen und mit Menschen ins Gespräch kommen. Das kann nur der Einzelhandel.“

Die Hoffnung hat auch Michael Werner, 61. Seit 40 Jahren führt er das nostalgische Geschäft „Der Lampenschirm“ im Tal. Zwischen hunderten leuchtenden Glühbirnen bespricht er mit seinen Kunden die perfekte Beleuchtung und nimmt sich Zeit für Sonderwünsche. Fachgeschäfte wie dieses, sagt Werner, hätten in der Corona-Krise die besten Chancen. „Die großen Verkaufsflächen kann sich keiner mehr leisten“, sagt er. Aber auch für die kleinen wird es knapp. „Wir haben rund ein Drittel weniger Kundenzulauf als sonst. Und ich glaube, wir werden unser früheres Niveau nie wieder erreichen.“ Trotzdem kämpft er um sein Geschäft. „Solange ich mit zwei Händen arbeiten kann, mache ich weiter.“

Wie die Innenstadt in Zukunft aussehen wird – das wird sich erst in den kommenden Monaten abzeichnen, sagt Wolfgang Fischer. Das Weihnachtsgeschäft sei entscheidend. Die Einzelhändler sind noch in einem Schwebezustand: „Viele haben ihre Zahlungen gestundet. Wenn alles zurückgezahlt werden muss, dann werden das einige nicht überstehen.“ An eine Verödung der Innenstadt glaubt er aber nicht: „Die Mietpreise werden sich der Nachfrage anpassen. Und es wird sicher viele Umnutzungen geben. Mehr Showrooms, mehr Pop-up-Stores, mehr Gastro.“ Gute Chancen habe auch der Fachhandel sowie Geschäfte mit Produkten, die „das Heim schöner machen“ – denn darauf würden Menschen seit der Ausgangssperre mehr Wert legen.

Man müsse jetzt dringend an der Attraktivität der Innenstadt arbeiten. „Wir brauchen mehr Kunst im öffentlichen Raum. Jetzt, da Wiesn, Shopping-Nacht und das Stadtgründungsfest ausfallen.“ Ein großes Problem sei auch die Erreichbarkeit des Zentrums: „Viele möchten gerade aus Schutz vor Corona nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Dazu immer wieder Sperrungen auf der Stammstrecke und das ewige Baustellen-Chaos: Es macht einfach keinen Spaß, in die Innenstadt zu kommen.“

Für Peter Eduard Meier ist das sogar das größte Problem. „Uns fehlen nicht nur die internationalen Gäste, sondern auch die Kunden aus dem Umland“, sagt er. Sein Schuhhaus „Ed. Meier“ gibt es seit 1596, vor zehn Jahren ist das Geschäft für Edelschuhe in die Brienner Straße gezogen. „Die Krise wird uns noch lange begleiten, aber die Menschen wollen zur Normalität zurück“, sagt er. Auch er kämpft mit erheblichem Umsatzverlust. „Ich mache mir nur Sorgen, wie unsere Kunden weiterhin die Innenstadt erreichen sollen. Es fallen immer mehr Parkplätze weg – 4000 in den letzten 25 Jahren, und es kommen immer fatalere Ideen auf, wie München autofrei werden soll.“

Auch für Herrenausstatter Martin Bauer ist die Pandemie nicht die eigentliche Ursache für das Ladensterben – eher ein Beschleuniger. „Die hohen Mieten, die Digitalisierung, die schlechte Erreichbarkeit der Innenstadt: Das sind Probleme, die es schon vor Corona gegeben hat.“ Jetzt werde das vielen Läden zum Verhängnis. Die individuelle Beratung, der Kundenkontakt – all das gehe in Filialketten und Online-Shops verloren. „Wir wollen da bleiben, wo wir sind, und guten Einzelhandel machen.“ Und dabei hilft die ganze Familie mit. Sogar seine drei kleinen Töchter sind oft mit ihm im Laden. „Meine Älteste ist zehn, sie meinte mal: Irgendwann gehört der Laden mir.“ Der Papa sieht das gerade skeptisch.

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