Waldsassen – Das Wort „diffus“ hört man im Landkreis Tirschenreuth gerade häufig. Landrat Robert Grillmeier (CSU) und Krisenstabsleiter Markus Zapf nutzen diese Vokabel, um das Infektionsgeschehen vor Ort zu beschreiben. Und auch Waldsassens Bürgermeister Bernd Sommer (CSU) sagt: „Diffus beschreibt die Situation eigentlich am besten.“
Tirschenreuth ist mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 322 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner wieder einmal der Corona-Spitzenreiter in der Republik. Am Wochenende wurde der zweihundertste Corona-Tote gemeldet. Es stellt sich die Frage, warum es erneut ausgerechnet den nördlichsten Landkreis der Oberpfalz trifft? „Es ist nicht so, dass wir an einer Stelle konzentriert Fälle hätten, die man nachverfolgen kann“, sagt Bürgermeister Sommer. „Es sind viele kleine Vorfälle.“ Seine Gemeinde hat 6800 Einwohner und liegt direkt an der tschechischen Grenze. Die Sorgen des Rathauschefs sind gerade groß. Mal wieder.
Der ganze Landkreis stand schon einmal im Mittelpunkt des Infektionsgeschehens. Die 6600-Einwohner-Stadt Mitterteich war der allererste Ort in Bayern, in dem es eine Ausgangssperre gab. Das Landratsamt Tirschenreuth verhängte sie am 18. März 2020, nachdem sich in der Gemeinde 25 Menschen angesteckt hatten. Schnell gerieten zwei Starkbierfeste in den Verdacht, die massenhafte Ausbreitung des Virus beschleunigt zu haben. Der gesamte Landkreis war vor einem Jahr ein Corona-Brennpunkt. Bis Mitte Mai 2020 gab es bereits 129 Todesopfer. Das Robert-Koch-Institut untersuchte das Infektionsgeschehen später – und kam zu dem Ergebnis: Die Bierfeste haben den frühen Corona-Ausbruch befeuert, außerdem waren viele Menschen aus der Region zuvor im Skiurlaub in Österreich oder Italien gewesen.
Diesmal ist es komplizierter. Die Einheimischen, das betont Sommer, „sind vernünftig und halten sich an die Regeln“. Der Bürgermeister vermutet andere Gründe hinter den hohen Zahlen. „Es kann ja eigentlich nur von dort kommen, wo noch Kontakte bestehen“, sagt er, „also aus dem beruflichen Bereich.“ Die Behörden konzentrieren sich besonders auf die ansässigen Unternehmen. „Es treten aktuell in mehreren Betrieben – vor allem bei den jüngeren Mitarbeitern – vermehrt Infektionen auf“, heißt es in einer Mitteilung des Landratsamtes. „Neu ist auch, dass gleich ganze Familien betroffen sind. Dies lässt vermuten, dass es hier in unserem Landkreis ansteckendere Mutationen gibt.“
Bei 40 Personen besteht aktuell der Verdacht, dass sie sich mit der hochansteckenden B117-Version infiziert haben. Zuvor war der Mutant bereits in Tschechien sowie den Nachbarlandkreisen Bayreuth und Wunsiedel nachgewiesen worden. „Man habe damit rechnen müssen“, sagt Landrat Grillmeier, „dass die Mutation auch bei uns ist.“ Wie der Landkreis damit umgeht, soll in Abstimmung mit der Staatsregierung im Laufe der Woche entschieden werden. Was schon feststeht: Die Schulen bleiben bis auf Weiteres geschlossen. Eine Isolation einzelner Gemeinden steht nicht zur Debatte.
Einzug erhielt die Mutation wohl durch die Pendler. Das könnte erklären, warum es die Grenzregion gerade so heftig erwischt. Neben Tirschenreuth sind vor allem die Kreise Hof (Sieben-Tage-Inzidenz: 283,8), Regen (249,3) und Wunsiedel (235,4) betroffen. Für die Einreise nach Bayern bzw. Tschechien benötigen Pendler alle 48 Stunden einen negativen Corona-Nachweis. Testzentren wie in Waldsassen erleben gerade einen Ansturm. Mit der Regelung geht natürlich auch eine entsprechende Testfrequenz einher. Das erhöhte Aufkommen positiver Tests ist die logische Folge. Allein am Grenzübergang Schirnding im Landkreis Wunsiedel wurden in den letzten neun Tagen 250 Pendler positiv getestet.
In der Tschechischen Republik wüten Virus und Mutation besonders schlimm. Das tschechische Städtchen Eger liegt nur ein paar Kilometer von Waldsassen entfernt. Die Lage im Stadtkrankenhaus ist dramatisch. Täglich werden von dort Patienten mit Krankenwagen oder Armeehubschraubern in weit entfernte Kliniken innerhalb Tschechiens verlegt – teilweise über hunderte Kilometer. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt im Kreis Eger bei fast 1200. In den umliegenden Regionen sieht es nicht viel besser aus. Immer mehr Einheimische fordern ihre Regierung deshalb auf, Deutschland um Hilfe bei der Behandlung von Corona-Intensivpatienten zu ersuchen. Doch bisher werde die Hilfe nicht in Anspruch genommen, heißt es aus der Bayerischen Staatskanzlei.
Könnte sich diese Extremsituation auch auf den Kreis Tirschenreuth übertragen? „Nein“, glaubt Sommer. „Wir haben bei uns in Bayern durchgehend strenge Lockdown-Regelungen, nicht dieses Auf und Ab wie in der Tschechischen Republik.“ Zu Weihnachten hatte die tschechische Regierung kurzzeitig Lockerungen beschlossen. „Es war richtig, diesen Lockdown bei uns durchzuführen, sonst hätten wir wahrscheinlich ähnliche Zahlen“, sagt der Bürgermeister. Aber ganz alleine werden sie das Problem wohl nicht in den Griff bekommen, die Nähe zum Hotspot Tschechien birgt Risiken. „Es liegt aber nicht in unserer Hand, die Grenzen zu schließen oder Grenzpendler auszuschließen“ sagte Landrat Grillmeier den „Oberpfalz-Medien“. „Dies sind Entscheidungen, die in München oder Berlin getroffen werden müssen, wir tragen hier mit unseren Erfahrungen bei.“
Und diese Erfahrungen waren zuletzt nicht schön. „Wir sind alle an unseren Grenzen“, sagt Markus Zapf vom Corona-Krisenstab. „Es geht an die Substanz, dass wir nicht von den hohen Inzidenzen runterkommen. Alle schauen gerade auf Tirschenreuth.“ Sein Wunsch: endlich wieder Normalität. Gerne für immer.