Herdenimmunität – wann erreichen wir die Ziellinie?

von Redaktion

In Manaus sollen bereits 70 Prozent der Bewohner infiziert gewesen sein, trotzdem gibt es einen neuen Ausbruch

Berlin – Die Nachrichten aus der brasilianischen Metropole Manaus mit mehr als zwei Millionen Einwohnern lassen aufhorchen: Es fehlen Krankenhausbetten und Sauerstoff, Patienten werden in andere Bundesstaaten ausgeflogen. Besonders verwunderlich an der Entwicklung ist, dass Forscher dort die theoretische Schwelle zur Herdenimmunität überschritten glaubten: Im Januar schätzten brasilianische Experten im Fachblatt „Science“ den Anteil der Bewohner von Manaus, die sich bis Oktober infiziert hatten, auf mehr als 70 Prozent. Sie hatten Proben von Blutspendern auf Corona-Antikörper untersucht.

Mit Herdenimmunität ist ein Schutz durch die Gemeinschaft gemeint: Ist eine ausreichende Zahl der Bevölkerung geimpft oder nach durchgemachter Erkrankung immun, breitet sich der Erreger kaum noch aus.

Aber einen einheitlichen Schwellenwert gibt es nicht. Bei Sars-CoV-2 ist bisher zudem unklar, ob Geimpfte das Virus noch übertragen und wie lange eine Immunität anhält. Seit dem Frühjahr beziffern Experten den Anteil, der für den erhofften Effekt nötig ist, auf zwei Drittel der Bevölkerung, etwa 67 Prozent. Die Zahl fußt auf der Annahme, dass ein Infizierter im Schnitt drei Menschen anstecken würde, wenn keine Maßnahmen in Kraft sind und niemand immun ist.

Was aber ist dann in Manaus passiert? Im Journal „The Lancet“ nennen Forscher mehrere Erklärungen. Demnach könnten die Schätzungen der Infektionen zu hoch gewesen sein. Auch die in der ersten Welle erlangte Immunität könnte möglicherweise wieder geschwunden sein, so die Autoren. Hinzu komme der Nachweis von Corona-Varianten in Manaus, die dem Immunsystem von Genesenen entgehen und erneut Infektionen verursachen. Und die offenbar ansteckender sind. Die Kalkulation vom Frühjahr, dass ein Infizierter im Schnitt drei Menschen ansteckt, müsste bei einer Verbreitung von Varianten angepasst werden. Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim rechnete auf ihrem Youtube-Channel vor, dass die Schwelle etwa bei bei 80 Prozent läge.

Das sind theoretische Überlegungen. In der Praxis tragen laut dem Virologen Christian Drosten viele weitere Faktoren bei, wie die Kontakthäufigkeit. Über Manaus sagte der Charité-Forscher, eine erneute Welle schwerer Verläufe sei in einer bereits durchinfizierten Bevölkerung nicht wirklich zu erwarten. Drosten bezweifelt daher die Annahme, in Manaus sei 2020 bereits eine Herdenimmunität entstanden. GISELA GROSS

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