München – Es waren nur 16 Monate, aber sie stellten das Leben des obersten Wittelsbachers auf den Kopf: An der von 1846 bis 1848 währenden Liaison der irischen Tänzerin Lola Montez mit König Ludwig I. hätten die Klatschblätter heute ihre helle Freude. Marita Krauss, Professorin für Europäische Regionalgeschichte an der Universität Augsburg, hat in einer neuen Biografie viele Legenden um das Leben der Femme fatale, deren Geburtstag sich heute zum 200. Mal jährt, zurecht- gerückt. Eine davon: Ihre Beziehung zu Ludwig I. war viel intellektueller, als man annimmt – also keine reine Bettgeschichte. Ein Gespräch.
Frau Krauss, Lolas wahnsinnige Biografie reicht ja für fünf Leben. Steht da wirklich die Liaison mit König Ludwig I. im Mittelpunkt?
Natürlich habe ich als bayerische Landeshistorikerin diese Zeitspanne besonders im Blick. Aber es stimmt – es waren nur 16 Monate und da geht natürlich dieses pralle Leben nicht darin auf. Besonders markant finde ich, dass sich diese Frau, nachdem sie sich durch etliche Affären und Skandale gekämpft hatte, nach 1851 in den USA wieder neu erfunden hat. Sie hat sich als 30-Jährige von den Finanzierungswegen ihrer Vergangenheit gelöst und das selbstbestimmte Leben geführt, das sie sich vielleicht schon früher erträumt hatte.
Nämlich?
Sie hat als Künstlerin am Broadway und vielen anderen Theatern, wo sie ihr eigenes Leben in „Lola Montez of Bavaria“ vermarktete – übrigens ein bemerkenswertes Dramolet –, sagenhafte Erfolge gefeiert. Und später wurde sie als Vortragsreisende gefeiert. Sie schrieb einen Schönheitsratgeber, der viele Auflagen hatte. Sie hat Geld verdient und zwar richtig viel: Ihr Wochen-Verdienst betrug zeitweise das Zehnfache eines amerikanischen Durchschnitts-Jahreseinkommens. Sie hat stets neue Wege beschritten. Das hat mich fasziniert.
Wie würden Sie Lola charakterisieren?
Nach den Klischees war sie eine Hochstaplerin, die Femme fatale, eine Kurtisanin und Lügnerin. Mag sein. Aber sie war auch eine Figur aus dem gehobenen britischen Mittelstand, die durch eine Entführung, eine unglückliche Heirat und Scheidung mit 21 vor dem Ende stand. Sie hätte im viktorianischen England nur noch eine Dienstboten-Zukunft gehabt. Aber sie trat die Flucht nach vorn an.
Und landete beim König von Bayern, der damals schon 60 Jahre alt war?
Ja, das löste schon zu Lebzeiten viele Fantasien aus. Der Skandal war ein Teil ihres Erfolgs, ihres Geschäftsmodells. Sie war bestimmt kein Opfer.
Erzählen Sie?
Wir müssen uns die damalige Zeit vergegenwärtigen. In Bayern ging mit Lola 1847 die Ära Abel zu Ende. Ich überspitze jetzt mal: Minister Karl von Abel, ein katholischer Ultra, wurde von Ludwig im März 1847 fallen gelassen, da er Lolas Einbürgerung nicht unterschrieb. Ludwig war zuvor immer katholischer geworden, hatte Klöster wiedergegründet, die Protestanten benachteiligt. Das war nun vorbei – die katholische Kirche kochte vor Wut. Und gab Lola die Schuld. Die katholische Kirche hat das für ihre Zwecke instrumentalisiert und skandalisiert. Landesweit. Eine katholische Fronde. Die Beichtväter auf dem Land haben ihren Beichtkindern auferlegt, sie mögen doch für den König beten, dass er sich von seinen Verirrungen löse. Ludwig hat sogar versucht, in einem Brief an die Bischöfe alles geradezurücken.
Inwiefern?
Er schreib, dass er mit Lola – so wortwörtlich – nicht „fleischlich verkehre“. Und in der Tat: Die Tagebücher zeigen, dass das Verhältnis zwischen Ludwig und Lola längst nicht so intim war wie weithin angenommen. Sicher, sie haben einmal im Juni und einmal im Dezember 1847 miteinander geschlafen. Aber die ganzen Männerfantasien, die da mehr reininterpretierten, sind alles Luft und Schneegestöber.
Es war weit weniger intim als angenommen?
Die haben Händchen gehalten, die haben sich geküsst. Ludwig war anfangs richtig glücklich, später wurde Lola immer launischer und politisch übergriffig und Ludwig immer unglücklicher. Am Anfang ist das voller Jubel, jeden Tag schrieb er ihr ein Gedicht, teils auf Französisch, manchmal auf Spanisch. Aber es war keine Bettgeschichte. Männer wie Ludwigs Baumeister Leo von Klenze haben fantasiert, dass Lola den König mit raffinierten französischen Tricks um den Verstand gebracht hat. Das war halt nicht so. Die haben Calderón gelesen, Don Quijote, die haben Französisch und vor allem Spanisch parliert. Sie war halt auch ein gescheites Frauenzimmer.
Lola stürzt Ludwig in eine Regierungskrise. Und dann kommt die Revolution 1848.
Da muss man manches zurechtrücken. Die sogenannten Lola-Unruhen der Studenten und Bürger hörten im Februar 1848 auf, als die Lola aus München vertrieben worden war. Die Revolution kommt später, im März, und sie hat eine ganz andere Stoßrichtung: Ministerverantwortlichkeit, Liberalisierung, freie Presse – das hat mit Lola nichts zu tun.
Mit welcher Frauenfigur würden Sie Lola vergleichen?
Ach – diese Frage ist so schwierig. Lola hatte einen ausgeprägten Narzissmus, insofern weist alles Richtung Showbusiness. Ich habe an Marilyn Monroe gedacht, aber die war depressiv, was Lola gar nicht war. Also ein bisschen Lady Gaga oder Madonna sind auch dabei – Verwandlungskünstlerin war Lola auch, aber sie hat nicht gesungen.
Wie war Ludwigs Verhältnis zu seiner Ehefrau in dieser Zeit?
Therese benimmt sich hervorragend, schreibt er immer wieder. Und dass er seine Frau nach wie vor liebt – obwohl er sich, wie er schreibt, „an Lola gekettet“ sieht. Na ja. Therese ist irgendwann in den passiven Widerstand getreten, das war ihre Methode. Sie ist nicht mehr im Theater erschienen, wenn die Lola auch nur angekündigt war. Sie hat alle Leute ignoriert, die mit Lola zu tun hatten.
Wie war die Reaktion, als Ludwig 1861 von Lolas Tod erfährt?
Er schreibt in sein Tagebuch, er habe in einem „Bruchstück einer nordamerikanischen Zeitung“, so wortwörtlich, gelesen, Lola habe Achtung für ihn gehabt, wäre aber nicht verliebt gewesen. Das war sie aber am Anfang, schreibt er weiter. Und dann: „Wiederholt und wiederholt habe ich gesagt, dass ein Teufel und ein Engel in ihr. Glücklicherweise hat letzterer am Ende gesiegt.“
So tragisch.
Nicht wahr? Wahr ist aber auch: Er wollte mit ihr nach 1852 nichts mehr zu tun haben. Es gab nach dem Tod seiner Frau Therese, die an der Cholera 1854 gestorben war, Gerüchte, dass der König heimlich Lola geheiratet habe. Er hat in Wahrheit nie wieder Kontakt zu ihr gesucht, nachdem sie versucht hatte, ihm seine Briefe zu verkaufen. Irgendwie hat’s dann gereicht. In einem Gedicht hat er geschrieben: „Lass mir meinen mühsam errungenen Frieden.“ Ein langer Abschied von einer großen idealisierten Liebe eines alternden Mannes zu einer jungen Frau – der Ludwig tut einem richtig leid.
Das Gespräch führte Dirk Walter
Literaturhinweis
Marita Krauss: Ich habe dem starken Geschlecht überall den Fehdehandschuh hingeworfen. Das Leben der Lola Montez, C.H. Beck Verlag, 343 Seiten. 24 Euro.