Das Bild ruckelt, die Mundbewegungen sind nicht synchron zu den Worten, seltsam unmotivierte Kamerafahrten machen den Zuschauer am Computer daheim schwindlig: Politischer Aschermittwoch in Coronazeiten ist eine schräge Form des Ersatz-Stammtischs. Für einen Redner wie Hubert Aiwanger, der in Bierzelt-Atmosphäre zu Höchstform auflaufen kann, ist die digitale Sterilität besonders schmerzlich. Ungewohnt blass erscheint der Freie-Wähler-Chef da nicht nur wegen des gewöhnungsbedürftigen Orange-in-Orange-Bühnenbilds. Auch inhaltlich wirkt seine Rede farblos, ist mehr Verteidigungsrede seiner nicht immer glücklichen Regierungsarbeit als lustvolle Attacke.
Aiwanger benutzt die Deggendorfer Bühne einmal mehr, um für baldige Lockerungen zu plädieren: Die Perspektive müsse für die Betriebe sein, „dass wir allerspätestens zu Ostern dem Tourismus eine Chance geben müssen, dass wir schon deutlich vorher dem Handel eine Chance geben müssen.“ Es sei nicht verständlich, dass Supermärkte auch während des Lockdowns mit Eingangsbeschränkungen und Maskenpflicht Blumen, Mode und Schuhe verkaufen dürften, die Fachgeschäfte nebenan aber nicht.
Der Vize-Ministerpräsident verkneift sich jeglichen Seitenhieb auf den Koalitionspartner CSU, der Höhepunkt ist da schon, wenn er Markus Söder vor schwarz-grünen Gedankenspielen warnt: Der CSU-Chef sitze ja beim Aschermittwoch vor einer Kulisse mit Holzofen. Da müsse er schon aufpassen, dass der Habeck ihm so etwas nicht wegen der Feinstaub-Regelungen verbiete. „Immer gut aufpassen, wen Sie zur Tür reinlassen“, sagt Aiwanger an die Adresse Söders. Die Grünen bekommen denn auch die einzigen verbalen Tiefschläge dieser Rede ab: „Eigenheime soll es nur noch für die grüne Schickeria geben, aber nicht mehr für das Volk!“ Das erinnere ihn an die DDR. „Die Bürger leben in Plattenbauten und die Parteichefs in Datschas im Grünen.“
Der zweite Redner Michael Piazolo ist von Haus aus eher für die Uni-Kanzel als fürs Bierzelt geschaffen. Und so besteht die Aschermittwochsrede des zuletzt heftig kritisierten Kultusministers vor allem aus Eigenlob: Beim digitalen Unterricht laufe doch alles viel besser, als die Opposition behaupte, sagt Piazolo. Doch zum neuen digitalen Aschermittwoch gehört auch, dass nicht bierselige Claqueure im Publikum sitzen, sondern kritische Zuhörer, die Piazolos Rede mit Facebook-Posts wie diesen kommentieren: „Das Krisenmanagement des Kultusministers ist selbst eine Krise“, war da noch eine der freundlicheren Anmerkungen. KLAUS RIMPEL