München – Man könnte fast meinen, Christian Lindner überkomme an diesem Politischen Aschermittwoch das Mitleid mit der CSU. In Passau, wo einst ein Franz Josef Strauß im Bier- und Zigarrendunst einer überfüllten Nibelungenhalle die weißblaue Sicht auf den Lauf der Welt erläuterte, erkläre im Jahr 2021 sein einsamer Nach-Nach-Nach-Nach-Nachfolger Markus Söder, ein „evangelischer Franke mit Cola-light im Bierkrug, den Menschen Bayern“, lästert der FDP-Chef in München. Viel ist vom früheren verbalen Fingerhakeln aufgrund der Corona-Einschränkungen nicht geblieben, Lindner macht bei seinem Online-Auftritt in München das beste daraus und nutzt die Rede zu einer liberalen Standortbestimmung im Superwahljahr.
Natürlich dreht sich fast alles um Corona. Lindner beklagt, dass es im Pandemie-Jahr zwar einen großen Fortschritt in der Wissenschaft, nicht aber in der Regierungspolitik gegeben habe. Zentrales Prinzip in der Merkel/Söder-Republik sei nach wie vor: Wir bleiben zuhause.
Mit diesem Verfahren sei Deutschland international ins Hintertreffen geraten. Selbst von Österreich könne man – Stichwort Schnelltests – mittlerweile lernen.
Bei aller Kritik am Umgang der Regierung mit der Pandemie mahnt Lindner auch zu grundsätzlichen Lehren für die Zukunft. So sei Biontech, findet Lindner, ein „Triumph über schwarze und grüne Ideologie“. Die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci seien eine Mahnung an die Schwarzen, beim Thema Zuwanderung nicht die Spitzentalente in der Forschung zu vergraulen. Und die Grünen müssten ihren Widerstand gegen die Gentechnologie aufgeben.
Lindners Forderung, der Lockdown-Serie endlich eine Öffnungsperspektive folgen zu lassen, fügt er eine grundsätzliche Analyse an. Wie schon in seiner Dreikönigsrede warnt er vor „autoritären Fantasien“. Die Akzeptanz der Freiheitsbeschränkungen in der Pandemie dürfe nicht auf andere Themenfelder – etwa die Klimapolitik – übertragen werden. Grüne Verbotsforderungen für den Verbrennungsmotor oder neuerdings Eigenheime seien Alarmsignale. ALEXANDER WEBER