München – 67 Minuten dauert der digitale Aschermittwoch der Grünen. Das ist kurz – aber nur einmal ist es wirklich kurzweilig. Katharina Schulze steht auf der Bühne der Muffathalle in München vor einer grünen Wand. „Die Pandemie kommt mir wie eine sehr lange Autofahrt vor“, sagt die Fraktionsvorsitzende der bayerischen Grünen. Im Auto sitzt ein Quengler, der andauernd fragt, wann wir da sind – „das ist Hubert Aiwanger, er will überall rausfahren und Schuhgeschäfte eröffnen“. Fahrer ist „Landesvater“ Markus Söder. „Er sagt sogar dem Navi, wo es langgeht.“ Und dann gibt es noch die tragischste Figur im Pandemieauto: Kultusminister Michael Piazolo – „ihn haben sie an der Raststätte vergessen, aber keiner vermisst ihn“.
Als nächstes betritt Anton Hofreiter die einsame Bühne. Der Fraktionsvorsitzende im Bundestag spricht lange von Blauwalen und der sechsten Aussterbekatastrophe, die den Planeten um hunderttausende Jahre zurückwerfen würde. Dann wendet er sich direkt an die Zuhörer. „Es sitzt gerade niemand vorm Computer, der mehrere hunderttausend Jahre Zeit hat.“ Deswegen braucht es den Klimawandel jetzt. Die Herleitung war kompliziert, aber Hofreiters Fazit ist umso radikaler: „Ein Markus Söder, der erst Bäume umarmt und dann die 10h-Regel aufrecht erhält, das ist ein Saboteur und kein Partner. Das sind keine Verbündeten, sondern das sind de facto Saboteure – und Saboteure können wir nicht brauchen.“ Eine schwarz-grüne Liebesbotschaft ist das nicht.
Am Ende wird Parteichefin Annalena Baerbock aus Berlin zugeschaltet. Sie gewinnt den parteiinternen Floskel-Wettbewerb um Längen. Sie sagt Sachen wie: „Wir müssen raus aus der Politik des Abwartens.“ Außerdem dürfe man kein Kind zurücklassen. Dann wird es doch noch flippig. Sie sei ein Kind der 80er und Nena-Fan. „Aber dieses Handeln nach dem Motto ,Irgendwo, irgendwie, irgendwann‘, das ist die falsche Platte.“ Sie hat das Jahr 2050 im Blick, Klimagerechtigkeit, vielleicht sogar die Kanzlerschaft, aber an diesem Aschermittwoch klingt sie fast wie alte, ganz alte BRD. Zumindest aber eher wie Joschka Fischer als wie die Generation Greta. STEFAN SESSLER