Viel Moll und wenig Gebrüll

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München – In guten Jahren dauert es drei, vier Defiliermärsche, bis eine Traube Leibwächter den Hauptredner auf die Passauer Bühne geschoben hat. Und jetzt das. Der erste Marsch läuft noch, dünn per Videokonferenz von der wackeren Stadtkapelle Passau eingespielt, da steht Markus Söder schon oben. War kein Kunststück, es hat sich ihm keiner in den Weg geworfen, die Halle ist ja fast menschenleer, sogar der Parteivorstand ist nur in Form von Pappkameraden präsent, also noch zahmer als sonst.

Söder setzt sich auf die Bühne, in die Kulisse eines sorgfältig spießig inszenierten Wohnzimmers, neben einen Masskrug Cola light auf weißblau karierter Tischdecke. Er versucht gar nicht erst, Normalität zu spielen. Es ist der seltsamste politische Aschermittwoch der CSU-Geschichte, aus Corona-Gründen ohne Publikum aus Passau gestreamt. Viel Moll, wenig Gebrüll. Er bestreite nun „die mit Abstand schwierigste Veranstaltung des Jahres“, sagt Söder.

Präsenztermine mit Nähe und Lärm darf es nicht geben. Sterben soll der jährliche Klartext mit der Basis aber auch nicht. Die CSU macht daraus den manchmal kreativen, manchmal verzweifelten Versuch, die Hallenstimmung auf die Bildschirme zu holen. Ein Klatsch-Knopf, ein Prost-Knopf prangen auf der Website. Daheim in Franken sitzt Dorothee Bär mit einer blauen Kinderrassel vor dem Laptop, um Lärm zu machen, aber schon die erste Schalte misslingt: „Ich hör’ euch nicht“, ruft sie unentwegt. Eilig wird ein Video mit den Ehrenvorsitzenden eingespielt, also Edmund Stoiber und Theo Waigel, sollte es noch einen dritten geben, in Ingolstadt etwa, spielt er an diesem Tag keine Rolle.

Überraschungen? Ja, teils, nicht immer angenehm für die CSU. Der Landeshauptmann aus Oberösterreich ist zugeschaltet für ein paar heimatverbundene Sätze – statt dessen erklärt er der CSU unverblümt, dass ihre neuen Grenzkontrollen „besonders schmerzlich“ und potenziell schädlich seien.

Dafür ist die Zuschaltung aus Düsseldorf, auf die alle warten, eher unspektakulär. CDU-Chef Armin Laschet steht mit Brezen und zwei Flaschen Urtyp hell (geschlossen) an einem Pult. Heftig mit den Armen rudernd, dankt er der CSU, nun den „Olymp des politischen Lebens betreten zu dürfen“ auf dem Aschermittwoch. Er beschwört die Einheit der Union, inhaltlich bleibt er aber vage, kein Wort zum Corona-Streit mit Söder, kein Indiz zur K-Frage. Man dürfe „nicht so miesgrämig durch die Landschaft laufen“, sagt er nur, aber das gilt allen.

Mies- oder griesgrämig? Söder nicht, nur leise. Er nutzt seinen Auftritt vor angeblich 25 000 Zugeneigten, seine unter Druck geratene Corona-Politik zu rechtfertigen. Würde man die Infektionen ohne Maßnahmen laufen lassen, wären Schäden und Todeszahlen viel höher. Auch Grenzkontrollen verteidigt er: „Finde das einfach richtig, sorry, es geht um Schutz.“ Er mahnt erneut zu Vorsicht, wählt schroffe Worte. „Die wahren Opfer der Pandemie“ seien die 65 000 Toten bundesweit. „Die haben keine Öffnungsperspektive.“

Gleichzeitig zieht Söder in Passau aber ein bisschen was gerade. Er redet eben doch über Öffnungen, über Stufen: Friseure, dann Gärtnereien, Einzelhandel, Sport, Kultur, vielleicht Gastronomie. Parteipolitisch auch mal andere Töne: Lob für die Lindner-FDP („ein sehr seriöser Partner“). Kein Grünen-Gekuschel, sondern Spott: „Die sind keine Heiligen. Beim Regieren werden die Grünen grau.“

Und noch was ungewöhnliches für die CSU: Die abschließenden Hymnen, sonst bierselig fahnenschwenkend mitgesungen bis -gegrölt, trägt alleine auf der Bühne Menna Mulugeta vor, eine farbige Sängerin mit äthiopischen Wurzeln. Spätestens jetzt hätte man doch gern das Hallenpublikum dazu erlebt.

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