Hanau – Ein Jahr nach dem Anschlag im hessischen Hanau ist die Enttäuschung groß. Weil der Täter tot ist, gibt es keinen Prozess – aber viele offene Fragen. Es liege in der Pflicht der Behörden, diese zu klären, sagt Ajla Kurtovic. Ihr Bruder Hamza (22) gehörte zu den Opfern von Tobias R., dem die Bundesanwaltschaft eine zutiefst rassistische Gesinnung attestiert. Bislang habe es keine Gespräche mit der Polizei über die Tatnacht gegeben, kritisiert Kurtovic. Das sei für die Angehörigen belastend. „Wir wissen bis heute nicht, was wirklich passiert ist. Wie konnte der Täter noch von einem zum nächsten Tatort fahren? Wie ist der Polizeieinsatz abgelaufen?“
Laut Kurtovic dauerte es nach dem Anschlag eine Woche, bis die Familie Gewissheit über den Verbleib ihres Bruders hatte. Auf Anfragen habe die Polizei abweisend reagiert. „Das war eine unmenschliche Art und Weise, wie mit uns umgegangen wurde.“
Rücktritt gefordert
Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) sagte, die Angehörigen seien noch immer stark traumatisiert. Es ginge ihnen sicher besser, wenn sie den Eindruck hätten, dass der Staat alles für die Transparenz tue. Dies schließe auch das Eingeständnis von Fehlern ein. Darunter fällt die Frage des nicht erreichbaren Notrufs. Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) räumte inzwischen ein, die Polizeistation sei aus technischen Gründen unterbesetzt gewesen. Kaminsky hat seinen Rücktritt gefordert, auch, weil Beuth den Vorgang nicht selbst offengelegt habe. Nach Medienberichten war der Notruf mit nur einem Beamten besetzt, der nicht alle Anrufe entgegennehmen konnte. Anrufe, die womöglich Leben gerettet hätten.
Eine weitere Frage ist, warum Tobias R. legal Waffen besaß, obwohl er im Vorfeld mehrfach psychisch auffiel (siehe Kasten). Sorgen, so Kaminsky, bereite den Angehörigen auch der Vater des Attentäters, der die rassistische Ideologie seines Sohnes teile und nun dessen Waffen zurückfordere.
Ein einsamer Wolf?
Selma Yilmaz-Ilkhan, Vorsitzende des Ausländerbeirats Hanau, nannte die Ermittlungen „bis heute nicht transparent“. Die Folgen des Anschlags seien für viele Hinterbliebene auch materiell einschneidend. „Sie sind nicht mehr in der Lage zu arbeiten.“ Die Familien lebten von Opferhilfe und Sozialleistungen. Der Bund hat bisher 1,2 Millionen Euro an Opferhilfe für 60 Antragsteller gezahlt.
Auch die Frage möglicher Mittäter steht noch im Raum. Die Behörden gehen bisher von einem Einzeltäter aus. Der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick betont hingegen, Tobias R. sei im rechtsextremistischen Milieu bestens vernetzt gewesen und habe sich dort radikalisiert. „Er war in der Kasseler Neonazi-Szene, bei AfD-Stammtischen, auf Demonstrationen, in der NPD, es wurden mehrere Waffen bei ihm gefunden.“ Die These vom einsamen Wolf habe die Terrorismusforschung längst hinter sich gelassen. dpa/epd/kna