Hanau – Es gibt Opfer. Und Überlebende. Said Etris Ha-shemi ist beides. Vor allem aber ist der junge Mann mit den sanften Augen ein Kämpfer. Für das Leben. Für die Zukunft. Stark sein will er, sich nicht in die Knie zwingen lassen, zeigen, dass es weitergeht. Der 24-Jährige will wieder gesund werden, wieder boxen und joggen gehen können ohne Schmerzen.
Es gibt keinen Tag, an dem Said Etris nicht an den 19. Februar 2020 denkt. Nachmittags waren sie in Frankfurt auf der Zeil unterwegs, er und sein Bruder Said Nesar. Dann schnell nach Hause, danach in die Arena-Bar. Es sind keine zwei Minuten Fußweg. Die Bar ist einer der Treffpunkte am Hanauer Kurt-Schumacher-Platz. Man kennt sich hier, viele von klein auf. Hamza ist da, Momo, Peter. Es ist voll. Im Fernsehen läuft Champions League. Tottenham spielt gegen Leipzig.
In der Pause kommt das Essen. Sie sitzen im Kreis. Plötzlich Schüsse vor der Tür. „Das hört sich nicht gut an“, sagt Said Etris Hashemi noch. Im angeschlossenen Kiosk wird geschossen, dann sieht er den Täter in die Bar kommen. Mütze, Bomberjacke, in der Hand eine Waffe „mit einem echt langen Magazin“. Sie verstecken sich hinter einer Säule. Said Etris vorn, die anderen dahinter. Sie wissen, dass der Notausgang verschlossen ist. Es gibt keinen Ausweg. Der Attentäter schießt, „zeigt die Zähne… wie ein wildes Tier“. Schießt wieder. „Man versucht auszuweichen und merkt gar nicht, dass man selbst getroffen ist“, sagt Said Etris. Sie kriechen unter die Theke. Momo kauert neben ihm. Der Täter geht, kommt wieder, schießt, bis sein Magazin leer ist. Dann verlässt er die Bar.
Said Etris holt sein Handy aus der Tasche, versucht, die Polizei anzurufen. „Die sind beim ersten Mal nicht rangegangen. Beim zweiten Mal auch nicht. Beim dritten Mal habe ich dann 112 gewählt. Da ist dann endlich jemand rangegangen. Ich habe gesagt, dass es Schüsse am Kurt-Schumacher-Platz 10 in Hanau-Kesselstadt gab. Und dass wir hier Verletzte und Tote haben.“ Dass der Rechtsextreme Tobias R. zuvor am Heumarkt schon drei Menschen erschossen hat, wird Said Etris erst später erfahren.
Während er telefoniert, merkt er, dass seine Zunge taub wird, dass er nuschelt. Da ist Blut an der Hand, am Handy. „Du blutest am Hals“, sagt ein Freund. Said Etris drückt einen Pulli auf die Wunde, steht auf, um nach den anderen zu schauen. Er sieht Hamza und seinen Bruder und weiß, dass für sie jede Hilfe zu spät kommt. Auch im Kiosk kann er niemandem mehr helfen. Er tritt vor die Tür, sieht die Scherben an einem Auto, darin einen toten jungen Mann. Es ist Vili Viorel Paun, der den Attentäter vom Heumarkt aus verfolgt hatte und mit einem Kopfschuss durch die Scheibe getötet worden war.
Dann kommen Polizisten. Sie fragen nach seinem Ausweis, er fragt nach einem Krankenwagen. Said Etris Hashemi ist bei Bewusstsein, als die Sanitäter ihn auf die Trage legen. Im Klinikum sieht er die Ärzte, spürt, dass er angehoben wird. Jemand zieht ihm die Schuhe aus, ein anderer gibt ihm eine Spritze. „Wir schicken dich jetzt schlafen“, ist das Letzte, was er hört. Erst zwei Tage später wacht er auf, in der Frankfurter Uniklinik. In seinem Körper stecken Schläuche, er kann nicht sprechen, nur auf ein Klemmbrett schreiben, kann nicht gehen. Er erfährt, dass der Täter ihn in den Hals geschossen hat, die Kugel im linken Mundboden stecken geblieben ist. Glück im Unglück, denn Stimmbänder, Halswirbelsäule und Schlagader sind unverletzt geblieben. Erst beim Verbandswechsel sieht er, dass eine zweite Kugel seine Schulter getroffen hat. Die dritte: ein Streifschuss.
Die Zeit auf der Intensivstation nennt er „die Hölle auf Erden“. Im Radio hört er Bundespräsident Steinmeier, hört die Namen der Opfer. Einer der neun Namen ist der seines Bruders: Said Nesar Hashemi. Manchmal, sagt Said Etris, fühle er sich, als sei die Zeit stehen geblieben.
Sein Vater kam Ende der 1980er-Jahre nach Deutschland, um sich eine Zukunft aufzubauen. 1993 heiratet er in Afghanistan, ein Jahr später holt er seine Frau nach Hanau. 1995 kommt hier das erste von fünf Kindern auf die Welt. Said Etris schüttelt den Kopf, findet keine Worte für seine Gefühle. „Ich habe mir mit meinem Bruder ein Zimmer geteilt, jetzt ist da ein leeres Bett“, sagt er stattdessen. Bald will die Familie in einen anderen Stadtteil ziehen. Schon vor der Tat hatten sie ein Haus gesucht, weil es zu eng wurde zu siebt in einer Vier-Zimmer-Wohnung. Jetzt haben sie eins gefunden. Vielleicht ist es gut, Kesselstadt hinter sich zu lassen. Warum nicht ganz wegziehen aus Hanau? „Niemals“, sagt Said Etris, „das ist unsere Stadt, unsere Heimat“.
Schon in der Schule ist Said Etris seinen Weg gegangen. Nach dem Hauptschulabschluss an der Otto-Hahn-Schule hat er die Realschule absolviert, danach Fachabitur gemacht. Vor dem 19. Februar 2020 war er mitten in der Ausbildung zum Versicherungskaufmann. Mehrere Male hat er versucht, die Ausbildung wieder aufzunehmen. Es ging nicht. Auch wegen der Arztbesuche und der Operationen, die immer wieder anstehen. Demnächst ist die Schulter noch mal dran. Er würde gern wieder boxen gehen im JUZ, oder Kindern das Schwimmen beibringen – so, wie er es früher getan hat. Seine Pläne? Studieren gehen. Vielleicht Wirtschaft. Oder Wirtschaftsinformatik.
Said Etris und seine Schwester Saida wollen, dass alle Fehler, die rund um den 19. Februar passiert sind, aufgearbeitet und öffentlich gemacht werden. „Die Politik muss eingestehen und akzeptieren, dass Fehler passiert sind. Hanau darf sich nicht wiederholen.“ Der 24-Jährige nennt es ein „Armutszeugnis“, dass Opferfamilien den Behörden Missstände bei den Ermittlungen aufzeigen müssten. „Warum mussten die Familien die Behörden darauf hinweisen, dass es Probleme mit dem Notruf gab und der Notausgang der Arena-Bar verschlossen war?“
Manchmal träumt Said Etris Hashemi vom 19. Februar. Manchmal hat er Flashbacks. „Kein Mensch sollte so etwas erleben müssen, aber es ist nun mal passiert.“ Und dann sagt er, ein bisschen zu sich selbst: „Es geht mir gut, es geht weiter.“