Unter dem Betreff „Der längste Lockdown braucht eine Alternative“ haben sich sämtliche Bürgermeister des Berchtesgadener Landes in einem Brief an Ministerpräsident Markus Söder gewandt. „Es geht um die schiere Existenzangst in unserer Region“, schreiben sie. „Wir haben nicht den Eindruck, dass unsere Sorgen und Nöte ernst genommen werden“ – mit Sätzen wie diesen wollen sie die Aufmerksamkeit auf den südöstlichsten Landkreis der Republik richten.
Grund für die weiterhin hohen Inzidenzen sei nicht nur die Grenzlage des Landkreises, sondern die vielen Testungen, die Woche für Woche aufgrund von Grenzpendlern durchgeführt werden, bis zu 10 000. Der Landkreis hat rund 105 000 Einwohner – und momentan eine Sieben-Tage-Inzidenz von 83,1 Fällen pro 100 000 Einwohner. „So sehr wir die Notwendigkeit von Maßnahmen erkennen, so sehr stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit und somit der Verhältnismäßigkeit der Einschränkungen“, sind sich die Gemeindechefs sicher.
Der Lockdown im Berchtesgadener Land gilt seit 20. Oktober. Die höchsten Inzidenzraten lagen bei 350, wochenlang bewegte sich der Wert bei über 200. Senioren trauten sind „in panischer Angst vor einer Infektion“ nicht mehr unter Menschen, sagen die Bürgermeister, Hotels hätten investiert, Schulden aufgenommen, inhabergeführte Geschäfte stünden „vor dem Aus“. Passiert sei nichts, die Einnahmen bleiben aus. „Es geht darum, dass ein selbstständiger Friseurmeister, der nie Schulden gemacht hat – Stand heute –, drei Jahre länger arbeiten muss, um die Überbrückungskredite abzubezahlen“, sagt Bürgermeistersprecher Franz Rasp (CSU) aus Berchtesgaden. Die Perspektive fehlte. Die Akzeptanz in der Bevölkerung schwindet, nun drohe sie „komplett“ wegzubrechen.
Die Vertreter des Berchtesgadener Landes fühlten sich, „als ob der Staat ein Exempel an uns statuiert hat und uns nun im Stich lässt“. Es sind deutliche Worte, in denen die Verzweiflung mitspielt: „Wir könnten uns auch vorstellen, als Pilotregion für neue Konzepte zum Corona-freien Unterricht zu fungieren.“ Familien seien vielfach belastet: Die derzeitige Regelung, wonach bei Inzidenzen um die 100 ein On-off-Betrieb mit Öffnungen und Schließungen stattfindet, könne nicht die Lösung sein, schreiben sie.
Die Hoffnung ist groß, dass die Bürgermeister in der Staatsregierung gehört werden. Auch Landrat Bernhard Kern (CSU) ist einer der Unterzeichner des Briefes. Kern war mehrfach in die Kritik geraten, nachdem sich die Inzidenzen dauerhaft auf hohem Niveau befunden hatten. KILIAN PFEIFFER