Wenn man Theo Waigel (CSU) zu politischen Freunden befragt, fällt schnell ein Name: Michail Gorbatschow. Mit Franz Josef Strauß traf er den starken Mann der Sowjetunion 1987 in Moskau zum ersten Mal. Der Kontakt ist seitdem nicht abgerissen. Erst im Dezember schrieb Gorbatschow ihm einen Brief, der mit „Lieber Theo!“ beginnt. Ein Gespräch über einen außergewöhnlichen Mann.
Herr Waigel: Sie und Strauß haben Michael Gorbatschow 1987 in Moskau getroffen. War da schon spürbar, dass in Moskau ein neuer Wind weht?
Ja. Als wir damals das Treffen verließen, hat man Franz Josef Strauß gefragt, mit welchen Gefühlen er den Kreml verlasse. Strauß antwortete: „Ich gehe mit besten Gefühlen aus dem Kreml.“ Das hat damals zu Irritationen geführt. Henry Kissinger rief mich an und fragte: „Was ist denn in meinen Freund Franz Josef Strauß gefahren?“ Er wollte deshalb sogar nicht mehr zur CSU-Klausur nach Kreuth kommen. Aber im Nachhinein hatte Strauß absolut Recht. Das war ein ungewöhnlich tolles Gespräch auf höchstem Niveau, politisch, historisch, philosophisch. Man hat einfach gemerkt: Dieser Mann ist offen. Er hält Geschichte nicht für determiniert und räumt auch Fehler ein. Etwa den Krieg in Afghanistan: „Einmarschieren ist leichter als wieder herauszugehen“, sagte er damals. Da saß uns ein ganz normaler Mensch gegenüber – hochintelligent und glänzend bewandert –, der der Welt nicht mit ideologischen Scheuklappen gegenüber stand.
Über die Einheit Deutschlands werde die Geschichte entscheiden, hat Gorbatschow damals gesagt. War das schon ein früher Hinweis auf Möglichkeiten zur Wiedervereinigung?
Das war für uns sehr überraschend. Es war das erste Mal, dass ein Kreml-Herrscher die Entwicklung offen ließ. Ein Hinweis, dass sich die Dinge verändern.
Während Gorbatschow im Westen hoch angesehen war und ist, galt er bei vielen Menschen in Russland als Totengräber der Sowjetunion. Hätte er Ihrer Ansicht nach deren Zerfall aufhalten können?
Nein. Das wäre nur mit gnadenloser Waffengewalt und totaler Überwachung möglich gewesen – und auf längere Sicht wohl auch nicht. Er hat eingesehen, dass eine Änderung notwendig war, auch wenn es ihn das Amt kosten sollte. Er war sich über das Risiko seiner Politik voll bewusst. Als wir im Juni 1990 im Kaukasus einander gegenübersaßen und die wichtigsten Entscheidungen zur deutschen Einheit fielen, standen auf sowjetischer Seite nur zwei Männer der Wiedervereinigung positiv gegenüber: Gorbatschow selbst und sein Außenminister Eduard Schewardnadse. Alle anderen machten ein grimmiges oder enttäuschtes Gesicht.
Kritiker behaupten, der Westen, insbesondere die Nato, sei gegenüber Moskau wortbrüchig geworden. Hat Gorbatschow Ihnen gegenüber diesen Vorwurf jemals erhoben?
Nein. Wir sind ja auch nicht wortbrüchig geworden. Gorbatschow hat zugestimmt, dass das wiedervereinigte Deutschland souverän ist und über seine Bündniszugehörigkeit frei entscheiden kann. Und wir haben zugestimmt, dass auf dem Gebiet der DDR keine Kernwaffen stationiert werden, auch keine ausländischen Truppen. Zudem: Wir haben die Bundeswehr immerhin von damals rund 500 000 Soldaten auf 150 000 reduziert. Eine Zusage, dass auch die mittel- und osteuropäischen Länder nicht der EU oder der Nato beitreten würden, hat es nicht gegeben. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen, denn wenn Gorbatschow die Souveränität der Völker betont hat, musste es auch in der Souveränität der Völker liegen, über die Zugehörigkeit zu einem Bündnis zu entscheiden.
Sie haben kurz vor Weihnachten einen persönlichen Brief von Gorbatschow zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung erhalten. Was schrieb Gorbatschow und wie ist heute ihr Verhältnis zueinander?
Wir hatten seit seinem Sturz immer wieder persönliche Begegnungen. Ich war der erste westliche Politiker, der ihn nach seiner Absetzung besucht hat. Er war abgekämpft und leichenblass. Ich sagte ihm: „Herr Präsident, in den letzten Tagen und Wochen haben die Menschen in Deutschland um Sie gebangt und für Sie gebetet.“ Da rannen Tränen über sein Gesicht. Zuletzt hatte ich im Oktober 2020 mit dem Bischof von Augsburg in der Basilika von Ottobeuren eine Veranstaltung zu 30 Jahren Deutsche Einheit. Dabei habe ich Michael Gorbatschow als einen der ganz Großen gewürdigt, der mit seinen Worten und Taten die Welt verändert hat. Die Rede habe ich ihm in russischer Übersetzung zugeschickt. Und daraufhin hat er mir im Dezember einen bewegenden persönlichen Brief geschrieben. Er hat sich bedankt und erklärt, wir hätten zusammen viel erreicht. Leider könne man sich aufgrund der Umstände nicht treffen, aber sein letzter Satz heißt: „Lieber Theo, ich halte ganz fest Deine Hand.“
Interview: Alexander Weber