Der Mann, der die Welt veränderte

von Redaktion

EIN GASTBEITRAG VON FRANZ ALT (*)

München – Seinen 90. Geburtstag verbringt Michail Gorbatschow abgeschieden in seiner Moskauer Dienstwohnung. Keine Party, keine Pressekonferenz in Zeiten des Coronavirus. Dabei gibt es über diesen außergewöhnliche Russen so viel zu erzählen. Seine Politik von Glasnost (Öffnung) und Perestroika (Wandel) hat den Kalten Krieg beendet, zur atomaren Abrüstung geführt, die deutsche Einheit ermöglicht und weltweit die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft genährt wie wohl noch nie zuvor in der Weltgeschichte.

Als Gorbatschow im Jahr 1985 zum starken Mann der Sowjetunion aufstieg, standen Ost und West gefährlich nah am atomaren Abgrund. Vielleicht verdanken wir ihm, dass wir noch leben. Sein Mut war es, der die größte Bedrohung der Menschheit überwand. In der heutigen Zeit neuer Feindbilder bräuchten wir vermittelnde Stimmen wie die des erfahrenen Realisten, der zugleich ein Visionär ist. Doch kein Gorbatschow weit und breit.

„Es gibt keinen glücklichen Reformer“

Vor drei Jahren habe ich zusammen mit Michail Gorbatschow das Buch geschrieben: „Kommt endlich zur Vernunft – Nie wieder Krieg“. Darin fordert er ein grundlegendes weltpolitisches Umdenken hin zur Gewaltfreiheit in den internationalen Beziehungen. „Gorbi“, wie seine Bewunderer ihn freundschaftlich nennen, träumt vom gemeinsamen Haus Europa – und von einer atomwaffenfreien Welt. Seine große Hoffnung ist der Atomwaffenverbotsvertrag, der seit Januar in Kraft ist. Darin haben sich über 120 Staaten verpflichtet, Atomwaffen weder herzustellen, noch zu besitzen, noch zu lagern, noch weiterzugeben. Das ist jetzt gültiges Völkerrecht. Die neun Atomwaffen-Staaten sind politisch erstmals in der Defensive.

Vor zwei Jahren trafen wir uns wieder in Moskau. Ich durfte eine Laudatio auf ihn halten. „Sind Sie im Herbst Ihres Lebens glücklich?, fragte ich ihn. Seine Antwort: „Es gibt keinen glücklichen Reformer. Nur ganz wenige haben die Früchte ihrer Reformen selbst ernten dürfen. Aber ich hatte die Chance, einen realen Wandel zum Besseren in meinem Land und zu einem positiven Wandel in der ganzen Welt beizusteuern. Dafür bin ich dankbar“.

Das ist die pure Bescheidenheit, bedenkt man als deutscher Journalist, dass wir Gorbatschow die friedliche Wiedervereinigung verdanken. „In Russland“, meint er, „kam die Perestroika zwar zum Stillstand, aber Millionen Russen und viele Menschen darüber hinaus können die Früchte meiner Reformen noch heute genießen. Mein Werk ist nicht tot.“

Auch wenn das politische Klima zwischen Russland und dem Westen wieder eisiger geworden ist, spricht Gorbatschow unerschütterlich von „möglicher Versöhnung“ und erinnert daran, dass auch vor 35 Jahren mitten im Kalten Krieg Abrüstung möglich war. „Warum soll das heute nicht möglich sein?“

Seine Frau Raissa war stets an seiner Seite

Michail Gorbatschow wurde am 2. März 1931 in einfachen Verhältnissen im südrussischen Priwolnoje geboren. Er erlebte den stalinistische Terror, den Einmarsch der deutschen Truppen. Ab 1950 studierte er Jura in Moskau. Dort lernte er Raissa Titarenko kennen, die Frau, die bis zu ihrem Leukämietod 1999 stets an seiner Seite war. „Nun lebe ich schon 20 Jahre ohne Raissa“, sagt Gorbatschow dann auch, als er mich zum Gespräch empfängt. In seiner Stiftung hängen mehr Bilder von Raissa als von US-Präsident George Bush oder Helmut Kohl, dem Kanzler der Wiedervereinigung. Wer Gorbatschow kennt, weiß um diese große Liebe. Vor 25 Jahren habe ich ihn bei einem ARD-Interview gefragt, woher er die Kraft nehme für seine umstrittenen Reformen. Lachend deutete er auf seine Frau, die hinter der Kamera stand. „Sie ist die Kraft.“ Sie lächelte zurück.

Beide lernten voneinander, dass Vertrauen der Goldstandard aller Beziehungen ist. In der Politik heißt das: Die Dinge auch vom Standpunkt des anderen zu sehen. Nur so, sagt Gorbatschow auch heute, finde man zu Gemeinsamkeiten. Und nur mit diesem Urvertrauen konnte er eine Politik der einseitigen Vorleistungen riskieren. Schon 1996 hatte er mir gesagt: „Nur mit Hilfe der westlichen Friedensbewegung konnte ich meine Abrüstungs-Politik gegen die Hardliner meiner Umgebung durchsetzen.“

In der Innenpolitik kritisiert er seinen heutigen Nachfolger Putin heftig. Außenpolitisch hält er sich zurück – auch wenn er er erst im Januar anmahnte, Russland und die USA müssten ihr Verhältnis normalisieren. Über Putin sagt er. „Zu Putin muss man Vertrauen aufbauen. Auch er hat einen guten Kern. Wir brauchen Geduld. An Frieden denken heißt an unsere Kinder denken. Das ist das Wichtigste.“ Ein Atomkrieg, ist Gorbatschow überzeugt, „wäre Wahnsinn und widerspricht der Lebensintelligenz von uns Menschen“.

Sein Rücktritt vermied einen Bürgerkrieg

Auch 30 Jahre nach seinem Rücktritt hat „Gorbi“ seinen Humor nicht verloren. Zum Abschied erhebt er sich, nimmt seinen Krückstock und sagt lachend: „Seit zwei Jahren laufe ich auf drei Füßen.“ Im Westen gilt er den meisten als Held, aber in Russland sehr vielen als „Verräter“. Beinahe täglich bekommt er Morddrohungen. Der Mann hat schließlich ein Reich zerstört. Das Ende der Sowjetunion bedeutete zugleich aber die Freiheit für 148 Millionen Polen, Tschechen, Slowaken, Rumänen, Bulgaren, Ungarn – und 16 Millionen Deutsche in der DDR. Ohne Gorbatschows Zustimmung wäre die Wiedervereinigung damals nicht denkbar gewesen.

Am 25. Dezember 1991 trat Michail Gorbatschow als Präsident der Sowjetunion zurück. Vier Tage zuvor hatte das staatliche Fernsehen seine Abendnachrichten so begonnen: „Guten Abend, die Sowjetunion gibt es nicht mehr.“ Heute sagt Gorbatschow dazu: „Es war ein Putsch. Um einen Bürgerkrieg zu verhindern, bin ich zurückgetreten. Es hätte auch einen Atomkrieg geben können. Mein Rücktritt war mein Sieg.“

Gorbatschows Verdienst ist es, dass vor 35 Jahren aus dem „atomaren Gleichgewicht des Schreckens“ ein Gleichgewicht der Vernunft wurde – zumindest vorübergehend. Michail Gorbatschow ist und bleibt ein großes Vorbild.

* Unser Gastautor Franz Alt, 82, ist ein deutscher Buchautor und TV-Journalist. Er moderierte unter anderem 20 Jahre lang das Politmagazin „Report“.

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