Bayerns Fahrplan aus dem Lockdown

von Redaktion

VON KATHRIN BRAUN, KATJA KRAFT, MARTINA WILLIAMS, WOLFGANG HAUSKRECHT, KLAUS VICK UND CLAUDIA ROTH

Einzelhandel

Ab 8. März darf der Einzelhandel öffnen – allerdings abhängig von der Inzidenz. In Landkreisen mit einer 7-Tage-Inzidenz von über 100 bleibt der Lockdown, wie er ist. Gestern waren das 20 Landkreise in Bayern, darunter Mühldorf am Inn, Altötting und Berchtesgadener Land. Die übrigen liegen zumindest unter dem Wert von 100 und zählen damit zu den Profiteuren.

Bleibt die 7-Tage-Inzidenz stabil unter 50, darf ab Montag bis zu einer Ladengröße von 800 Quadratmetern ein Kunde pro zehn Quadratmeter ins Geschäft, für jede 20 Quadratmeter mehr ein weiterer Kunde. Bedeutet: 80 Kunden bis 800 Quadratmeter, wer 200 Quadratmeter mehr hat, darf zehn Kunden mehr ins Geschäft lassen.

Bei einer Inzidenz zwischen 50 und 100 ist es schon deutlich weniger. Dann gilt die sogenannte „Click and meet“-Regel. Heißt: Man braucht einen Termin. Außerdem braucht jeder Kunde mindestens 40 Quadratmeter Platz. Frühestens ab 5. April könnte diese Einschränkung dann auch fallen (Grafik).

„Die Einzelhändler bereiten sich gerade auf Hochtouren auf die Öffnung ihrer Läden vor“, sagte Wolfgang Fischer, Geschäftsführer der Innenstadtvereinigung City Partner unserer Zeitung gestern. Die Regelungen seien sehr überraschend. „Die Händler sind davon ausgegangen, dass sie erst ab einer bayernweiten Inzidenz unter 50 öffnen dürfen – immerhin hieß es aus der Politik, man will Einkaufstourismus verhindern. Jetzt zählt wohl doch die Inzidenz der einzelnen Landkreise. Es ist alles ein bisserl chaotisch“, sagte Fischer. „Aber wir kriegen das hin. Lieber öffnen wir kurzfristig als gar nicht.“

Für Verunsicherung sorgen die verschiedenen Inzidenzen und die Notbremse, die der Bund eingezogen hat. Rutscht die Inzidenz über die 50, muss der Handel wieder Termine vergeben, rutscht er wieder über die 100, muss er sogar wieder schließen. Damit man nicht total überrascht wird, hat die Notbremse eine zeitliche Verzögerung eingebaut: Erstens muss der Wert drei Tage in Folge überschritten werden, zweitens greift die Verschärfung dann erst zwei Tage später.

Beim Handelsverband Bayern ist man über die komplizierten Regeln nicht erfreut. Sobald ein Grenzwert leicht überschritten werde, löse das ein Chaos aus, so Sprecher Bernd Ohlmann. „Dann muss nach ein paar Tagen plötzlich alles wieder dichtmachen. Zwischendurch mussten die Händler Ware bestellen, ihren Kunden die Öffnung kommunizieren und Mitarbeiter aus der Kurzarbeit holen. Das ist doch völlig realitäts- und praxisfern.“

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sagte gestern: „Die jetzt getroffenen Maßnahmen sind schon sehr komplex, sehr diffizil. Jetzt gibt es sogar drei Inzidenzstufen, die jeweils andere Regelungen auslösen.“ Die Bürger bräuchten eine „nachvollziehbare und praxistaugliche“ Verordnung.

Gastronomie und Hotellerie

Hier gibt es nur für die Außengastronomie Erfreuliches. Ab 22. März steht eine Öffnung in Aussicht. In Regionen mit einer Inzidenz zwischen 50 und 100 bekommt man Sitzplatz und Bier allerdings nur bei vorheriger Reservierung und Vorlage eines tagesaktuellen Tests.

Über die Innengastronomie und die geschlossenen Hotels will der Bund erst am 22. März wieder beraten. Bedeutet: Es bleibt unklar, ob man einen Osterurlaub in Deutschland buchen kann oder doch den Blick ins Ausland richten muss. Zu Auslandsreisen fasste der Bund keinerlei Beschlüsse.

Bertram Brossardt, Chef der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, sagt: „Ich verstehe die Enttäuschung von Handel und Gastronomie, dass die Öffnungsschritte zu langsam gehen. Umgekehrt wurden allen Branchen klare Perspektiven aufgezeigt und damit gibt es Planungssicherheit.“ Der Bundesverband der Systemgastronomie äußerte sich enttäuscht. Die Beschlüsse gäben der Branche trotz einzelner Lockerungen überhaupt keine Perspektive, sagte Verbandschefin Andrea Belegante.

Breitensport

Auch den Amateursport hat der Lockdown schwer gebeutelt. Nun also gibt es erste Lockerungen. In Landkreisen mit einer stabilen Inzidenz unter 50 dürfen ab 8. März im Freien wieder kontaktlose Sportarten mit maximal zehn Personen durchgeführt werden, zum Beispiel Golf, Tennis oder Fußballtraining mit Abstand. Bleibt die Inzidenz stabil unter 50, würden im Zwei-Wochen-Rhythmus ab 23. März und 5. April weitere Lockerungen folgen. Bei einer 7-Tage-Inzidenz zwischen 50 und 100 gelten strengere Beschränkungen (siehe Grafik).

Bei Michael Franke, Vorstand des Münchner Vereins FT Gern, gab es gestern schon am frühen Morgen die ersten Anfragen von Eltern, wann es denn endlich wieder losgehe. Aber noch ist Franke einigermaßen verwirrt, was die neuen Regeln genau bedeuten. Und nicht alle Regeln scheinen auch logisch. Zum Beispiel, warum bei einer Inzidenz unter 50 laut Beschluss des Bundes maximal zehn Personen Sport treiben dürfen, bei einer Inzidenz zwischen 50 und 100 aber auch bis zu 20 Kinder (siehe Grafik). Franke wartet nun auf eine Klarstellung – die der Bayerische Fußballverband bereits von der Staatsregierung eingefordert hat.

Auch DFB-Vizepräsident Rainer Koch sieht hier Bedarf. „Es fehlen klare Regelungen für die Praxis. Die braucht es jetzt ganz dringend.“ Vertreter mehrerer Sportverbände sprachen gestern aber von einem ersten Hoffnungsschimmer für den Sport. Bei der FT Gern will man laut Franke versuchen, schon ab Montag wieder zu starten – wenn die ehrenamtlichen Trainer so schnell einsatzbereit sind.

Kultur

Museen, Galerien, aber auch Zoos, botanische Gärten und Gedenkstätten dürfen ebenfalls ab 8. März wieder öffnen – je nach Inzidenz mit oder ohne Terminbuchung. Theater, Konzert- und Opernhäuser sowie Kinos sollen dann am 22. März folgen: Bei einer 7-Tage-Inzidenz über 50 ist ein Einlass aber nur mit einem tagesaktuellen Test erlaubt. Für Freizeitveranstaltungen peilt der Bund frühestens den 4. April an – und dann auch nur mit maximal 50 Personen.

In der Kunsthalle München herrschte gestern große Freude über die Beschlüsse. „Endlich dürfen wir öffnen, diesen Moment haben wir sehr herbeigesehnt“, sagte Kunsthallen-Direktor Roger Diederen unserer Zeitung. Das Publikum habe Hunger auf Kultur. Doch vor der Öffnung liegt der Stress, denn es bleiben nur wenige Tage Zeit, um alles herzurichten. „Das Garderoben- und Kassenpersonal muss engagiert werden, außerdem hatten wir die Zeit der Schließung genutzt, einige Umbauten zu erledigen – ein Fahrstuhl ist wohl noch nicht einsatzbereit.“

Für die Besucher gelten die Regeln, die sie schon vor dem Lockdown in Galerien und Museen beachten mussten: Sie müssen vorher ein Zeitfenster-Ticket kaufen (bei den meisten Einrichtungen geht dies online, bei vielen auch an der Kasse vor Ort) und während des Besuchs Maske tragen und Abstände einhalten.

Auch das Haus der Kunst und das Deutsche Museum werden voraussichtlich schon am Montag öffnen; außerdem Galerien. Die staatlichen und kommunalen Museen wie etwa die Pinakotheken warten noch auf eine präzise Verordnung des Freistaats. Solange wollen sie sich nicht auf einen Öffnungstermin festlegen. Danach richtet sich auch das private Franz-Marc-Museum in Kochel am See. Das Campendonk-Museum in Penzberg peilt den 15. März für die Öffnung an. Wie es mit Bayerns Theatern und Opernhäusern weitergeht, wird sich, je nach Inzidenz-Lage, in den kommenden Tagen herausstellen.

Private Zusammenkünfte

Die Kontaktbeschränkungen bleiben zwar grundsätzlich, es gibt aber Erleichterungen – dort, wo die Inzidenz unter 100 liegt. Ab kommenden Montag, 8. März, dürfen sich dann maximal fünf Personen aus zwei Haushalten treffen. Kinder bis 14 Jahre werden nicht mitgezählt. Auch Paare, die getrennt wohnen, gelten als ein Haushalt.

In Regionen mit einer 7-Tage-Inzidenz unter 35 dürfen sich ab 8. März sogar drei Haushalte mit maximal zehn Personen treffen. Auch hier sind Kinder unter 14 Jahre außen vor. Bei den privaten Zusammenkünften greift ebenfalls die Notbremse. Dann würde die alte Regel wieder gelten: ein Haushalt plus eine weitere Person.

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