Berlin – Die Sache mit dem Schlumpf passiert am späten Abend, gegen 23 Uhr. Eigentlich ist die Videokonferenz der Ministerpräsidenten fast durch, da schaukelt sich ein Streit mit Olaf Scholz hoch. Der Finanzminister, Vizekanzler und SPD-Kanzlerkandidat redet über den Härtefallfonds für taumelnde Firmen, verlangt ultimativ, dass die Länder mitzahlen. Widerworte bürstet er knapp und mit schneidendem Ton ab, es brauche hier keiner „ins Träumen“ kommen, der Bund zahle alles. Da platzt Markus Söder der Kragen.
Scholz sei nicht „der König von Deutschland“, nicht der „Weltenherrscher“ und auch nicht Kanzler, fährt Söder den Sozialdemokraten an, so schildern es mehrere Teilnehmer. „Ich weiß nicht, was sie getrunken haben.“ Und, als Scholz erheitert in seine Kamera schaut, folgt noch der böse Satz: „Da brauchen Sie jetzt gar nicht so schlumpfig rumgrinsen!“
Der Schlumpf-Eklat ist tags darauf großes Thema in München und Berlin. In der Sitzung rauschen auf Söders Handy zunächst Dankes-SMS mehrerer Ministerpräsidenten ein, von denen keiner selbst den Disput mit Scholz wagte, auch CDU-Chef Armin Laschet nicht. So ganz geheuer ist Söder aber auch nicht, dass er Nerven zeigte. Er, eigentlich ein emotionaler Mensch, hat in den vergangenen Jahren viel an Selbstbeherrschung gewonnen – jetzt geht aber auch ihm die extreme Belastung der Krise nahe. Man solle „nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen“, sagt er noch am Abend. Scholz habe halt ein „sehr pointiertes Auftreten“. Beide tauschen sich noch vor Mitternacht kurz per Handy darüber aus. „Es ist wieder alles gut“, sagt Söder.
Ist es das? Dicke Freunde werden die Koalitionspartner sicher nicht mehr. Anders als die meisten Lenker in Berlin sind Franke Söder und Hanseat Scholz stets beim Sie geblieben. Im Wahljahr 2021 sind sie Konkurrenten – der eine ist schon Kanzlerkandidat, der andere wird es vielleicht. Der Schlumpf-Zusammenprall zeigt, dass es ein harter Wahlkampf werden dürfte. Und an Scholz wird das Etikett Schlumpf nun auch zäh kleben. Heute schon beim Video-Nockherberg, wo Söder wie Scholz zum Starkbieranstich zugeschaltet sind, dürfte es darum gehen.
Der Eklat war der lauteste, aber nicht der einzige des neunstündigen Gipfels. Auch Söder und Laschet rumpelten mal aneinander, sowie mehrere Ministerpräsidenten und Merkels Gesundheitsminister Jens Spahn. Auffällig ist auch, dass sich mehrere Landesregierungen schon mit Protokollerklärungen vom gemeinsamen Beschluss distanzieren. Michael Kretschmer etwa, CDU-Regent im Corona-Hotspot Sachsen, warnt, die Situation könne entgleiten. „Ich glaube, Deutschland geht zu schnell und auch zu weit in der Öffnung.“
Aus der Opposition kommt ohnehin Kritik. Der Plan enthalte „keine Perspektive auf Öffnung und ist kompliziert, sodass sich kurzfristig im Alltag kaum etwas ändert“, glaubt FDP-Chef Christian Lindner. Vom „Corona-Irrgarten“ redet die Linke. Es müsse „zuerst getestet und dann geöffnet werden und nicht wie vorgesehen umgekehrt“, kritisiert hingegen der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck. „Es wird auf Hoffnung gesetzt, das ist aber keine Strategie.“ Die Öffnungsbeschlüsse hinterließen bei ihm „ein mulmiges Gefühl“.
In Union und SPD gibt es weitgehend Zustimmung. Scholz selbst betont am Donnerstag, es werde nach einer kurzen Übergangsphase genügend Schnell- und Selbsttests geben. Ach ja, und zur Schlumpf-Sache sagt er noch: Er halte eben das Geld zusammen. „Wer da nicht bereit ist, eine etwas ruppige Situation auch gut auszuhalten, der ist fehl am Platze.“
CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER