von Redaktion

VON DIRK WALTER

München – Am Anfang war die Krise: Die Entmachtung Ludwigs II. am 10. Juni 1886 und der mysteriöse Tod des Königs drei Tage später hatte die bayerische Monarchie an den Rand des Abgrunds geführt. Prinz Luitpold, der heute vor 200 Jahren geboren wurde, sollte nun oberster Wittelsbacher werden und für 26 Jahre dem Königreich seinen Stempel aufdrücken. Der Historiker Hermann Rumschöttel, einer der besten Luitpold-Kenner, hält es für eine der „bemerkenswertesten Leistungen des Prinzregenten, dass ihm überraschend schnell eine fundamentale Änderung der ablehnenden öffentlichen Meinung gelang“. Luitpold stabilisierte die Monarchie – das ist vielleicht die größte Leistung des gemütlichen Herrschers.

Die „Königskatastrophe“, also der Tod Ludwigs II. drei Tage später, lastete schwer auf dem Beginn der Regentschaft. In den ersten Tagen mied Luitpold die Öffentlichkeit, intern soll er die Befürchtung geäußert haben, jetzt gar als „Mörder“ Ludwigs angesehen zu werden. Er bereute wahrscheinlich da schon, dass er sich vom intriganten Ministerratsvorsitzenden Lutz und dem Hofpsychiater Gudden zur Übernahme der Regentschaft hatte drängen lassen – wohl wissend, dass die Entmachtung des Königs die Legitimität des Königreichs untergraben würde.

Als Luitpold am 10. Juni 1886 im Gesetz- und Verordnungsblatt für das Königreich Bayern mit gedrechselten Worten als „nächstberufenem Agnaten“ die „traurige Pflicht“ auferlegt wurde, die „Reichs-Verwesung“ zu übernehmen, war er mit 65 eigentlich schon im Rentenalter. Er war General im deutschen Krieg von 1866 gewesen und eigentlich nur einmal ins Rampenlicht geraten – am 3. Dezember 1870 überreichte er in Versailles dem preußischen König Wilhelm I. den sogenannten Kaiserbrief, den sich Ludwig II. unter Schmerzen abgerungen hatte. Bayern war fortan Bestandteil des neuen deutschen Reiches.

Luitpolds Regentschaft war eigentlich unspektakulär, aber das war nach den Eskapaden Ludwigs wohl schon ein Erfolg. Eine seiner ersten Taten war die Konsolidierung der Hofkasse. Ansonsten hielt er sich zurück: keine Schlossbauten, ein nach dem frühen Tod seiner Frau Auguste 1864 affärenfreies Leben – Gazetten vom Schlage des „Goldenen Blatts“ hätten an dem Prinzregenten wenig Freude gehabt. Bayern war auf dem besten Weg zu einer konstitutionellen Monarchie im Stile Großbritanniens mit einem starken Parlament, beherrscht von den Nationalliberalen und dem katholischen Zentrum. Die Herrscherfamilie wich mehr und mehr auf Repräsentation aus.

Doch war dabei vieles Fassade. Bayern war im kraftstrotzenden Kaiserreich erheblichen Wachstumsschmerzen ausgesetzt. Die unter Caprivi, dem Nachfolger Bismarcks als Reichskanzler, abgeschlossenen Handelsverträge öffneten Deutschland für den Weltmarkt – die Preise für Agrarprodukte, bis dato durch Schutzzölle gegen Preisverfall abgesichert, sanken. Die Folge: Es gärte im Land, auch in Bayern. 1893 gründeten unzufriedene Landwirte in Straubing den Bayerischen Bauernbund, eine populistische Partei, die nun gegen Bürgermeister, Ortspfarrer und die Zentrumspartei polemisierte. „Unsere Hauptgegner san de Herren vom Zentrum“, heißt es im Roman „Andreas Vöst“, in dem der begnadete Schriftsteller Ludwig Thoma 1906 früh die Stimmungen im Land aufgriff. Thema des Buches, bis heute als Schullektüre empfohlen, ist die niederträchtige Verleumdung eines gestandenen Bauern durch den Ortspfarrer.

Zum Bauernbund gehören zwei Strömungen – eine radikaldemokratische um den Ruhpoldinger Bürgermeister Georg Eisenberger und die Mallersdorfer Brüder Gandorfer, die frech die „Aufhebung aller Vorrechte des Adels“ forderten und dann 1918 Kurt Eisner bei der Revolution unterstützten. Und eine antisemitisch-boshafte, die sich um den Zeitungsschreiber Johann Baptist Sigl und den Deggendorfer Seelsorger Georg Ratzinger scharte. In Sigls „Bayerischem Vaterland“, einer damals viel gelesenen Zeitung, wurde gegen Wucher und das „Börsenjudenthum“ polemisiert. 1894 erschien dort ein ganzseitiger Leitartikel „Jüdisches“, wo die Ritualmordlegende des Anderl von Rinn unverblümt propagiert wurde. Niemand schritt ein. Kein Zweifel, unter der schönen Fassade der Prinzregentenzeit brodelte es. 1894 schlug die Gendarmerie bei der Fuchsmühler „Holzschlacht“ in der Oberpfalz einen Bauernaufstand blutig nieder, es gab Tote.

Der Bauernbund wurde bei den Wahlen freilich nie so stark, dass er das politische System ins Wanken gebracht hätte. Das Königreich ohne König war nie ernsthaft gefährdet. Luitpold stand öffentlich da „wie ein Fels im oft reißenden Strom der Veränderungen“ (Rumschöttel).

Wiederholtem Drängen des Hofes, sich zum König ernennen zu lassen, gab Luitpold nicht nach — schließlich war der natürliche Thronfolger, Ludwigs Bruder Otto, bei guter körperlicher Gesundheit (wenn auch geistig umnachtet). Es hätte auch die gesamte Erbfolge durcheinandergebracht. Lieber blieb er quasi ein ungekrönter König – ein Unikat unter den 22 Bundesfürsten des deutschen Kaiserreichs.

Im krassen Gegensatz zu Ludwig II., der sich hermetisch der Öffentlichkeit verweigert hatte, pflegte Luitpold den volkstümlichen großen Auftritt. Berühmt waren sein Einzug aufs Oktoberfest, seine Teilnahme an den Fronleichnamsumzügen. Das nötigte auch dem legendären „Bauerndoktor“ und „linken“ Zentrums-Politiker Georg Heim Respekt ab, der ansonsten nicht gewillt war, den „Roßschweif“ anzubeten – eine Anspielung auf die fürstliche Helmzier.

Noch ein anderer machte seinen Frieden mit dem Prinzregenten: Georg von Vollmar, der Vorsitzende der in Bayern seit jeher schwächelnden SPD (seit 1893 im Landtag), war systemkonform und wurde zum Prototypen des „königlich bayerischen Sozialdemokraten“.

Wenn der Prinzregent zur Jagd kam, war ganz Oberstdorf in Festtagsstimmung. Luitpold wurde so populär, dass sogar eine Torte nach ihm benannt (siehe Interview) und sein Bart zur Modeerscheinung unter den Männern gesetzteren Alters wurde. Es war nach der Regentschaft von Luitpolds Vater Ludwig I. die vielleicht erfolgreichste Phase der Monarchie. Zu der „guten alten Zeit“, der man später hinterhertrauerte, gehört der Aufstieg Münchens zur Kunst- und Musenstadt, den Luitpold durch demonstrative Atelierbesuche förderte. Schwabing war jetzt literarische Avantgarde: Lena Christ, Rainer Maria Rilke, Frank Wedekind, der Verleger Albert Langen seit 1896 mit seinem „Simplicissimus“ und der „Jugend“ stehen bis heute dafür. „München leuchtete“, schwärmte Thomas Mann 1902.

Aus der Perspektive des Jahres 1912, als Luitpold 91-jährig starb und sein wenig begabter Sohn Ludwig Prinzregent und ein Jahr später König wurde, erschien Bayerns Monarchie trotz aller Erschütterungen zukunftsfest, ja nachgerade fortschrittlich. Ein Irrtum. Wer hätte gedacht, dass sie sechs Jahre später über Nacht gestürzt würde?

Luitpold pflegte den volkstümlichen großen Auftritt

München stieg auf zur Kunst- und Musenstadt

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