Die wichtigsten Fragen zu Astrazeneca

von Redaktion

VON B. WEGENER, A. STEIN, A. STOBER, S. MEYER, A. BEEZ

Berlin – Bevor er die schlechte Nachricht überbringt, nimmt Jens Spahn noch einen hastigen Schluck aus dem Wasserglas. Dann spricht er in kurzen, schnellen Sätzen aus, was sich in den Minuten zuvor schon in Windeseile über alle Kanäle verbreitet hat: Man habe entschieden, die Corona-Impfungen mit Astrazeneca vorerst zu stoppen, zur Vorsicht. Es sei eine fachliche Entscheidung, sagt er, keine politische. Auf jeden Fall ist es eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen – und vielen offenen Fragen:

. Warum nun der vorläufige Stopp für Astrazeneca?

Das zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) empfahl den Schritt am Montagmittag. Hintergrund sind laut Spahn sieben in Deutschland gemeldete Fälle von Thrombosen der Hirnvenen, die zeitlich in Zusammenhang mit Impfungen stünden. Das Risiko ist, bei bisher 1,6 Millionen Impfungen mit Astrazeneca, extrem gering. Sollte es aber eine Verbindung zum Impfstoff geben, sei es „überdurchschnittlich“, sagt Spahn.

. Wie lange soll der Impf-Stopp dauern?

Der vorgesehene Fahrplan liegt nun erst mal auf Eis. Die Bundesländer sollen gelieferten Impfstoff lagern lassen, der Bund behält weitere Lieferungen in seinem Zentrallager. Als Nächstes prüft die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) die Sache, am Donnerstag will sie über mögliche Schritte entscheiden. Gestern betont die EMA, sie halte vorerst an ihrer guten Bewertung des Astrazeneca-Mittels fest. Die Vorteile durch den Schutz vieler Menschen vor einer schweren Covid-Erkrankung seien höher einzuschätzen als die Risiken möglicher Nebenwirkungen. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO versucht zu beruhigen. Ihre Experten beraten heute.

. Wie wichtig ist Astrazeneca für die Impfungen?

Für den Fortschritt der deutschen Impfkampagne sollte das Mittel eine bedeutender Rolle spielen. Es ist leicht in Praxen zu lagern und muss nicht so aufwendig gekühlt werden wie das Präparat von Biontech. Gerade erst wurde Astrazeneca auch für Ältere über 65 empfohlen. Und bis Ende März sollen mehr als zwei Millionen frische Dosen hinzukommen. Allerdings sollen auch die Mengen der anderen Impfstoffe vor allem von Biontech/Pfizer und Moderna stark hochgehen. Bei den bislang in Deutschland verabreichten Dosen macht das Astrazeneca-Mittel einen Anteil von 17 Prozent aus.

. Was wird nun aus den Impfzielen?

Die Impfpläne geraten jetzt durcheinander, meint CDU-Chef Armin Laschet. „Das wird viele Strategien wieder verändern“, sagt er gestern Abend im ZDF. Wie hart der Dämpfer genau ausfällt, ist ungewiss. Und zwar auch für die Zusicherung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), allen Bürgern bis zum 21. September eine Impfung anbieten zu können: Das stand ausdrücklich unter dem Vorbehalt, dass Lieferungen und Zulassungen wie geplant kommen. Der für morgen geplante Impfgipfel von Bund und Ländern zur Einbindung der Hausärzte wird nun wohl verschoben, wie die Deutsche Presseagentur erfuhr.

. Worum geht es genau medizinisch?

Neue Daten zeigen eine auffällige Häufung einer speziellen Form sehr seltener Thrombosen in Hirnvenen in Verbindung mit einem Mangel an Blutplättchen und Blutungen. Bei einer Hirnvenen-Thrombose kommt es zum Verschluss bestimmter Venen im Gehirn durch Blutgerinnsel. Zentrales Symptom sind Kopfschmerzen. Daneben können Erkrankte epileptische Anfälle, Lähmungen oder Sprachstörungen bekommen. Die Erkrankung tritt selten auf. Die Mehrheit der Betroffenen sind Frauen unter 50 Jahren. Ein Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) führt zu einer erhöhten Blutungsneigung. Ursachen können Infekte, Vitaminmangel, genetische Veranlagungen oder die Einnahme von Medikamenten sein. Als Symptome treten punktförmige Einblutungen in die Haut oder Schleimhäute auf, gelegentlich auch starkes Nasenbluten, selten beides.

. Was ist mit anderen möglichen Nebenwirkungen?

Schon zuvor wurde Astrazeneca in Zusammenhang mit einzelnen Fällen von schweren Blutgerinnseln gebracht. Dem müsse nachgegangen werden, sagt der Münchner Infektiologe Dr. Christoph Spinner unserer Zeitung. bei der bisherigen Größenordnung der Fälle ergebe sich aber „kein auffälliger Hinweis auf ein häufigeres Auftreten tiefer Bein- und Beckenvenenthrombosen als in der Allgemeinbevölkerung“. Auf 100 000 Einwohner gibt es jährlich bis zu 130 solcher Fälle, für Schwangere verdoppele sich das Risiko. Man dürfe die Astrazeneca-Fälle daher nicht überbewerten.

. Kann man ein anderes Mittel für die 2. Dose nutzen?

Theoretisch möglich und medizinisch unproblematisch wäre es wohl, verschiedene Stoffe zu spritzen. Jedoch liegen dazu keine Studiendaten vor. Falls er nicht länger dauert, dürfte der Stopp aber kaum für Probleme bei der zweiten Dosis sorgen: Zwischen Erst- und Zweitimpfung sollen bei Astrazeneca zwölf Wochen liegen. Bei vielen Geimpften ist bis zur zweiten Dosis noch Zeit. Eine volle Impfung mit Astrazeneca erhielten 217 Menschen.

Artikel 4 von 7