Warum Aspirin gefährlicher als Astrazeneca ist

von Redaktion

Schmerzmittel, Blutverdünner und Co.: Neun gängige Medikamente im Nebenwirkungs-Check

VON ANDREAS BEEZ UND DORITA PLANGE

München – Nach dem Impf-Stopp für Astrazeneca sind viele Menschen verunsichert: Ist dieses Vakzin wirklich so gefährlich, dass man es aus dem Verkehr ziehen musste? Heute will die Europäische Arzneimittelagentur EMA entscheiden, ob Astrazeneca wieder freigegeben wird. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sprach sich gestern schon mal dafür aus.

Egal, wie die Entscheidung ausfällt – sein Ruf ist ramponiert, vielleicht sogar ruiniert. Mediziner sind sich einig: Die Berichte über Nebenwirkungen – sieben von etwa 1,7 Millionen Geimpften waren an Hirnvenenthrombosen erkrankt – müssen genau geprüft werden. Gleichzeitig warnen Ärzte davor, die Relation zwischen Nutzen und Risiko aus den Augen zu verlieren. Ihr Tenor: Es gibt viele Medikamente, die häufiger schwere Nebenwirkungen verursachen als eine Impfung mit Astrazeneca. „Für Arzneimittel gilt: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung“, erläutert der Pharmakologie-Professor Stefan Engelhardt von der TU München. „Fünf bis zehn Prozent der Krankenhauseinweisungen beruhen auf unerwünschten Nebenwirkungen von Arzneimitteln. Bei Krankenhauspatienten kommt es bei zehn bis 20 Prozent der Patienten zu Nebenwirkungen von Arzneimitteln, davon sind wiederum zehn bis 20 Prozent als schwerwiegend einzustufen. Das ist der Preis, den wir für wirksame Medikamente bezahlen. Es ist immer eine Güterabwägung von Nutzen und Risiko. Das sehen wir jetzt in einer ganz exemplarischen Weise beim Astrazeneca-Impfstoff.“

Ähnlich argumentiert der erfahrene Münchner Internist Dr. Karlheinz Zeilberger (siehe Interview). „Wir können heilfroh sein, dass wir viele hocheffiziente Arzneimittel haben. Aber wahr ist auch: Sie können zum Problem werden.“ Als Beispiele nennt Zeilberger freiverkäufliche Schmerzmittel wie Ibuprofen, Voltaren bzw. Diclofenac. „Sie können – vor allem, wenn man sie oft und in hohen Dosen nimmt – schwere Nebenwirkungen verursachen, die schlimmstenfalls zum Tod führen. Trotzdem schlucken täglich Millionen Menschen diese und andere Tabletten – und kaum einer macht sich große Gedanken darüber.“

Das gilt auch für Aspirin, eines der meistverkauften Medikamente der Welt. Sein Nutzen vor allem als Blutverdünner ist unbestritten, aber es kann auch Blutungen auslösen. „Unterm Strich ist Aspirin sicher riskanter als Astrazeneca“, sagt der Orthopäde Dr. Martin Marianowicz. „Genausowenig wie auf Aspirin sollten wir aber auf Astrazeneca verzichten.“

Wie gefährlich sind Arzneimittel eigentlich im Vergleich zum Astrazeneca-Impfstoff? Wir beleuchten neun gängige Medikamente im Nebenwirkungs-Check.

Amoxicillin AL 1000 (Antibiotikum)

Häufig: Hautausschlag, Übelkeit, Durchfall.

Gelegentlich: leichter juckender Ausschlag, Schwellungen an Arm, Bein, Fußsohle.

Sehr selten: lebensgefährliche, allergische Reaktionen, schwere blutige Durchfälle, Gelbsucht, Dickdarmentzündung, Nierenprobleme, Blutgerinnungsstörungen.

Buscopan (gegen Bauchkrämpfe)

Gelegentlich: Hautreaktionen, Juckreiz, Steigerung der Herzfrequenz, Blutdruckabfall, Schwindel, Müdigkeit. Selten: Störungen beim Wasserlassen. Sehr selten: starke Augenschmerzen beim Grünen Star, Störung des Nah-Sehens.

Ramipril AL 5 mg (ACE-Hemmer; Herzmedikament)

Häufig: Kopfschmerzen, Schwindel, Ohnmacht, Hypotonie, Bronchitis, Kurzatmigkeit, Magen- oder Darmschmerzen, Hautausschlag, Muskelkrämpfe, erhöhte Kaliumwerte im Blut.

Gelegentlich: Gleichgewichtsstörungen (Vertigo), ungewöhnliche Hautempfindungen, Verlust oder Veränderung des Geschmacksempfindens, Schlafstörungen, depressive Stimmungslage, Angst, Verschlimmerung von Asthma, Schwellung im Darm, erhöhter oder unregelmäßiger Herzschlag, geschwollene Arme und Beine, verschwommenes Sehen, Gelenkschmerzen, verringertes sexuelles Verlangen bei Männern und Frauen.

Selten: Ablösung von Nägeln, Ausschlag, veränderte Blutwerte, Bluterguss, Ohrenklingeln. Sehr selten: Erhöhte Sonnenempfindlichkeit.

Aspirin N 100 mg (Schmerzmittel und Blutverdünner)

Häufig: Sodbrennen, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Durchfälle, Mikro-Blutungen im Magen-Darm.

Gelegentlich: Blutungen, Entzündungen und Geschwüre im Magen-Darm-Bereich; Hautreaktionen.

Selten: Blutdruckabfälle, Atemnot, allergischer Schock; Schwellungen von Gesicht, Zunge und Kehlkopf, erhöhte Leberwerte; Nierenfunktionsstörungen, akutes Nierenversagen.

Selten bis sehr selten: Schwerwiegende Blutungen, lebensgefährliche Hirnblutungen.

Ibuprofen AL 400 (Schmerzmittel und Entzündungshemmer)

Sehr häufig: Magen-Darm-Beschwerden, geringfügige Magen-Darm-Blutverluste mit Gefahr von Anämie.

Häufig: Kopfschmerzen, Schwindel, Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre u.U. mit Blutung und Durchbruch.

Gelegentlich: Sehstörung, Magenschleimhautenzündung. Sehr selten: Herzklopfen, Herzinfarkt, Herzmuskelschwäche, Ödeme, Störungen der Blutbildung. Entzündung der Speiseröhre und der Bauchspeicheldrüse.

Voltaren Dolo 25mg/Diclofenac (Schmerzmittel, Entzündungshemmer)

Sehr häufig: Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts. Häufig: Schwindel, Erhöhung bestimmter Leberenzyme, Exanthem, Kopfschmerzen, Erregung.

Gelegentlich: Herzinfarkt, Herzinsuffizienz.

Selten: Anaphylaktische Reaktionen mit niedrigem Blutdruck und Schock, Luftnot Herzjagen.

Sehr selten: Störungen der Blutbildung, Schwellungen, psychotische Erkrankungen, Tinnitus.

Paracetamol Stada 500 mg (Schmerzmittel)

Selten: leichter Anstieg der Leberenzyme.

Sehr selten: Veränderung des Blutbilds, allergische Reaktionen von Hautausschlag bis hin zur Schockreaktion, Verengung der Atemwege, schwere Hautreaktionen.

Marcumar (Blutverdünner)

Sehr häufig: Nasenbluten, Blut im Urin, Zahnfleischbluten, Blutergüsse.

Gelegentlich: Blutungen im Bereich des Herzbeutels, des Rückenmarks, des Gehirns, Netzhautblutungen, Übelkeit, Erbrechen, Einblutung in die Darmwand, Blutungen aus dem Magen-Darm-Trakt, brennende Schmerzen, Verfärbungen in den Großzehen.

Sehr selten: Leberversagen mit erforderlicher Lebertransplantation oder mit Todesfolge.

Mucosolvan (Hustensaft)

Häufig: Geschmacksstörungen, Übelkeit, Taubheitsgefühl in Mund und Rachen. Gelegentlich: Erbrechen, Durchfall, Verdauungsstörungen, Bauchschmerzen, Fieber, Schleimhautreaktionen.

Selten: Überempfindlichkeitsreaktionen, Ausschlag, Nesselsucht, Trockenheit im Hals.

Artikel 2 von 9