München – Die Rolle von Kindern und Jugendlichen als mögliche Pandemietreiber wird intensiv diskutiert. Tatsächlich sind die Inzidenzwerte in diesen Altersgruppen gestiegen. Aber die Aussagekraft der Zahlen ist laut Experten eher bescheiden.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat die Zahl der Corona-Fälle zwischen der letzten Februar-Woche und genau einen Monat später verglichen. Ergebnis: Bei den Unter-Vierjährigen lag die 7-Tage-Inzidenz Ende März um 162 Prozent höher. Bei den Fünf- bis Neunjährigen waren es sogar 228 Prozent, bei den Zehn- bis 14-Jährigen knapp 200 Prozent. Zum Vergleich: Auf alle Altersklassen bezogen lag der Anstieg der 7-Tage-Inzidenz bei nur 103 Prozent.
Daraus lasse sich aber nicht automatisch schließen, dass sich das Virus unter Kindern und Jugendlichen besonders rasant ausbreite, betonen die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sowie weitere Experten. In einer gemeinsamen Stellungnahme geben DGKJ und BVKJ als Grund für die höheren Inzidenz-Werte bei Kindern und Jugendlichen die mittlerweile gestiegene Testzahl in diesen Gruppen an. Ein Vergleich zu anderen Altersklassen anhand der Inzidenzen sei daher nicht aussagekräftig. Tatsächlich stieg zwischen Ende Februar und Ende März die Zahl der PCR-Tests bei den Unter-Vierjährigen um etwa ein Drittel, bei den Fünf- bis 14-Jährigen um 14 Prozent. In allen anderen Altersgruppen ging die Zahl zurück oder blieb gleich.
Denkbar ist auch, dass die Schnell- und Selbsttests an den Schulen dazu führen, dass mehr Infizierte auffallen, zum PCR-Test geschickt werden und dann als „positiv“ in die Statistik eingehen. Das würde bedeuten, dass die PCR-Tests gezielter eingesetzt würden. Man könne aus der jüngsten Entwicklung „nicht schließen, dass die Kinder in der aktuellen Situation häufiger betroffen oder sogar Treiber der Ausbreitung wären“, sagt der Epidemiologe der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin, Timo Ulrichs.
Studien zeigen, dass sich das Coronavirus im Rachen von Kindern genauso stark vermehren kann wie bei Erwachsenen. Unklar sei aber, so Ulrichs, auf welchen Wegen sich der Erreger unter jungen Leuten verbreitet, also auch, ob sich die Kinder überwiegend untereinander anstecken. Nach RKI-Angaben konnte nur weniger als ein Zehntel der gemeldeten Corona-Fälle aller Altersgruppen Ende März/Anfang April einem Ausbruch zugeordnet werden. Ob es also bei privaten Kontakten zu den meisten Ansteckungen kommt oder in öffentlichen Bereichen wie Schulen, „das ist ja immer noch eher spekulativ“, sagt Epidemiologe Timo Ulrichs. dpa