HINTERGRUND

Flucht-Varianten: Wie gefährlich sind diese Mutanten?

von Redaktion

Während das Impfen Spritze um Spritze langsam vorankommt, mischt sich eine Befürchtung in die aufkeimende Hoffnung: Das Virus könnte derart mutieren, dass weder die Impfstoffe noch eine überstandene Infektion vor Ansteckung und Erkrankung schützen. Wissenschaftler befassen sich schon länger mit dem Thema. Mal klingt es alarmistisch, mal nach einer theoretischen Gefahr. Dass sich Sars-CoV-2 grundsätzlich gut anpassen kann, leiten Experten des Robert-Koch-Instituts vom Auftreten von Virusvarianten ab, die teilweise oder komplett resistent gegen neutralisierende Antikörper sind. Der in Südafrika zuerst nachgewiesene Typ B.1.351 könnte nach ihrer Einschätzung „eine Grundlage für die Entstehung sogenannter Immune-Escape-Varianten darstellen“.

Solche Escape-Varianten, auf Deutsch: Flucht-Varian-ten, haben sich genetisch so verändert, dass sie von Antikörpern nicht mehr erkannt werden, die gegen das ursprüngliche Coronavirus gebildet wurden. „Tarnung“ nennt Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig das. „Viren werden aber nicht vollständig unsichtbar“, sagt er. Wenn der Selektionsdruck steige – etwa durch einen wachsenden Anteil an Geimpften –, hätten es die Viren zunehmend schwerer, erklärt Cicin-Sain. Nur die Stärksten können sich dann noch durchsetzen. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mutanten ausbreiten, die vom Immunsystem nicht oder nicht gut erkannt werden. Die zweifache Impfdosis biete aber einen guten Schutz auch gegen bisher bekannte Mutanten.

Was aber, wenn sich eine wirkliche Flucht-Variante durchsetzt? Eine Gruppe von Nichtregierungsorganisationen veröffentlichte eine Umfrage unter Epidemiologen und Virologen aus 28 Ländern, deren Einschätzung zufolge Mutationen die aktuellen Impfstoffe in einem Jahr oder weniger unwirksam machen könnten.

Forscher des Leibniz-Instituts für Primatenforschung in Göttingen und des Uniklinikums Ulm haben herausgefunden, dass ein Antikörper, der für die Covid-19-Therapie eingesetzt wird, bei den Varianten B.1.351 (Südafrika) und P.1 (Brasilien) komplett wirkungslos gewesen sei. Stefan Pöhlmann und Markus Hoffmann vom Primatenzentrum stufen die beiden daher als Escape-Varianten ein. Es sei aber davon auszugehen, dass B.1.351 und P.1 immer noch durch die verfügbaren Impfstoffe gehemmt würden. Dass Varianten entstehen, die nicht mehr durch jetzt verfügbare Impfstoffe gehemmt werden, ist den Forschern zufolge „ein extremes Szenario, aber nicht auszuschließen“.

Also im Fall der Fälle alles auf null? Ganz so dramatisch ist es wohl nicht. Die Impfstoffe bieten zumindest einen gewissen Schutz, sagt Cicin-Sain. Sie können nach Angaben der Präsidentin des Österreichischen Verbands der Impfstoffhersteller, Renée Gallo-Daniel, auch binnen sechs bis acht Wochen so verändert werden, dass sie ebenfalls gegen Mutanten wirken. MARCO KREFTING

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