HINTERGRUND

Der wilde Wandel der Grünen

von Redaktion

Zigarettenrauch wabert durch die überfüllte Stadthalle von Karlsruhe. Viele Männer tragen Latzhose und Strick-Pulli. Es wird wild diskutiert – über Frauenquoten, Krieg, Frieden, über Ökologie, aber mehr noch über Widerstandsrecht. Es ist der 13. Januar 1980 und die gut tausend Delegierten heben die Bundespartei „Die Grünen“ aus der Taufe. Bauernsohn Herbert Gruhl, der kurz danach austreten und die ÖDP gründen wird, hält die Begrüßungsrede. Er sagt: „Niemand kann unseren Erfolg verhindern, es sei denn wir selber.“ Esoteriker, Friedensbewegte, Atomkraftgegner, Feministinnen, Dritte-Welt-Gruppen, Kommunisten, Wertkonservative, aber auch völkisch orientierte Bauern reden sich die Köpfe heiß. Die meisten ticken links, viele entstammen aber bürgerlichen Familien.

„Das waren im Prinzip radikale Linke, die Ende der 70er-Jahre in einer tiefen, tiefen Sinnkrise steckten“, sagte der Göttinger Politikwissenschaftler Michael Lühmann in einem Interview. „Dann versuchten sie, quasi die Grüne Partei so ein bisschen zu übernehmen. Und interessanterweise hat aber die ökologische Idee sie übernommen. Im Prinzip sind die Grünen eines der größten De-Radikalisierungsprogramme der Demokratiegeschichte.“

Die frühen Grünen wollen alles anders machen. Petra Kelly spricht 1982 von einer „Antipartei-Partei“. Ein Jahr später ziehen die Grünen erstmals in den Bundestag ein. Zur Begrüßung überreichen sie Kanzler Kohl einen mickrigen Tannenzweig, um auf das Waldsterben aufmerksam zu machen. Noch ein Jahr später ruft Joschka Fischer im Bundestag: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“ Aber der Aufstieg geht immer weiter. 1985 lässt sich Fischer in weißen Turnschuhen zum hessischen Umweltminister vereidigen.

1990 fliegt die Partei aus dem Bundestag, es folgt die Vereinigung mit dem ostdeutschen Bündnis 90. 1998 verschrecken die Grünen viele Wähler mit der Idee, den Benzinpreis schrittweise auf fünf Mark pro Liter zu erhöhen – dennoch reicht es zur ersten Regierungsbeteiligung unter SPD-Kanzler Schröder. Die ehemalige Protestpartei sitzt nun auf der Regierungsbank.

Die Partei hat sich professionalisiert und vielfach gehäutet. Außenminister Fischer wird sogar zur Zielscheibe der Friedensbewegung, als er einen deutschen Kriegseinsatz im Kosovo befürwortet. Manche alten Ideale sind bei den Grünen auf der Strecke geblieben. Gründungsmitglied Petra Kelly lästert schon 1990: „Sie sind eine richtige Machterwerbs- und Wahlkampfpartei geworden, sehr taktisch und routiniert, ständig auf sich selbst fixiert.“ Und jetzt auch noch ausgestattet mit einer Kanzlerkandidatin. STEFAN SESSLER

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