München – Aufgewachsen ist die grüne Hoffnungsträgerin auf dem Land. Annalena Baerbock, 40, verbrachte ihre Jugend gemeinsam mit zwei Schwestern und zwei Cousinen auf einem Bauernhof im kleinen Ort Schulenburg in der Nähe von Hannover. „Mich hat meine Kindheit auf dem Land in Niedersachsen geprägt, zwischen Zuckerrüben und Fußballplätzen, unter Menschen, die bodenständig und direkt sind“, sagte sie dem „Tagesspiegel“. Als Kleinkind lebte Baerbock sogar kurz in Bayern, in Nürnberg, wo auch ein gewisser Markus Söder geboren ist. Aber ihre Familie zog bald zurück.
Die Eltern – Vater Maschinenbauingenieur, Mutter Erzieherin – haben sie schon früh mit zu Demos genommen. Zum Beispiel gegen das geplante Atom-Endlager in Gorleben. „In den 90ern gab es bei uns im Dorf eine Flüchtlingsunterkunft, direkt gegenüber von der Bushaltestelle, wo ich immer zur Schule gefahren bin“, erzählte sie in einem Interview. „Da gab es einen Brandanschlag drauf. Das hat mich total umgetrieben. Und, ja, deswegen waren politische Themen irgendwie von Anfang an auch das, was mich selbst interessiert hat.“
Als Jugendliche nahm sie mehrfach an Deutschen Meisterschaften im Trampolinspringen teil – holte sogar drei Mal Bronze. Sie war damals Leistungssportlerin. Lieblingssprung: Doppelsalto vorwärts. Hobbymäßig spielte sie auch Fußball. Schon früh entdeckte sie ihre politische Ader. „Zum Unmut meiner Mitschüler“, erzählte sie einmal, „habe ich mit einer Freundin in der Grundschule durchgesetzt, dass wir als Protest gegen den damaligen Irak-Krieg kein Fasching feiern.“
Heute hat sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem PR-Manager Daniel Holefleisch, 48, selbst zwei Töchter, die 2011 und 2015 auf die Welt kamen. Holefleisch war früher in der Berliner Parteizentrale der Grünen verantwortlich für Kontakte zu Unternehmen, er war auch schon mal Wahlkampfmanager der Grünen. Sein Spitzname lautete damals „Kloppo“, weil er dem berühmten Fußballtrainer Jürgen Klopp ähnlich sieht. Die Familie lebt in Potsdam.
Baerbock wäre die erste junge Mutter im Kanzleramt. Spitzenpolitik und Familie – es ist ein Spagat, den Baerbock schon seit ein paar Jahren wagt. „Ich halte nichts davon, alles schönzureden und zu sagen, das kriegt man alles easy hin, so einen Rund-um-die-Uhr-Job und kleine Kinder“, sagt Baerbock. „Und ich habe das Glück, dass mein Mann mir viel abnimmt.“
Baerbock engagiert sich in ihrer Heimat in der Flüchtlingshilfe. Sie hat nach dem Abi Politikwissenschaft und öffentliches Recht in Hamburg studiert, danach Völkerrecht in London. Nebenbei arbeitete sie als Journalistin für die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“. Sie hat eine Doktorarbeit an der FU Berlin begonnen, aber nie vollendet. Titel: „Naturkatastrophen und humanitäre Hilfe“.
Ihre politische Karriere nahm 2005 mit dem Eintritt in die Grünen Fahrt auf. Bis 2008 war sie Büroleiterin der Europaabgeordneten Elisabeth Schroedter. Sie zog dann nach Brandenburg, wo sie von 2009 bis 2013 Landesvorsitzende der Grünen war, bevor sie Bundestagsabgeordnete wurde.
Zu vielen ethischen Gesetzesfragen bezog sie zuletzt Stellung: So war sie maßgeblich an der interfraktionellen Zustimmungslösung bei der Organspende beteiligt. Demnach soll die Organspende nach dem Tod eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben, die nicht durch den Staat erzwungen werden darf. In puncto Sterbehilfe spricht sie sich dagegen aus, assistierte Suizidbeihilfe als Dienstleistung zuzulassen. Dies wäre eine „Kapitulation“, erklärt sie auf ihrer Internetseite.
Beim Thema Abtreibung hingegen vertritt sie anders als die Kirchen eine liberale Haltung und setzt sich für die Streichung des Paragrafen 218 aus dem Strafgesetzbuch ein. Sie selbst, so Baerbock in einem Interview, sei Mitglied der protestantischen Kirche, aber nicht gläubig. In der Kirche sei sie geblieben, weil ihr die Idee des Miteinanders extrem wichtig sei. sts/hor/kna/lif