Der Kampf ums Gendersternchen

von Redaktion

In Deutschland gibt es eine neue, alarmierende Lust an der Bevormundung. Wer nicht richtig gendert, gehört schnell zu den Bösen. Der Germanist Rainer Moritz erklärt, warum es trotzdem Hoffnung gibt, dass der Genderstern irgendwann von sich aus verglüht.

VON RAINER MORITZ*

Als es auf mein Germanistikexamen zuging, flüchtete ich mich vor der modernen Linguistik aufs weniger einsturzgefährdete Terrain der historischen Sprachwissenschaft. Zu meinen Prüfungsschwerpunkten wurden Themen, die meine Kommilitonen eher mit einem müden Lächeln quittierten: „Die Geschichte der deutschen Rechtschreibung“ und „Das System der starken Verben“. Bereut habe ich das nie, und manche Erkenntnisse aus diesen Examensvorbereitungen haben sich mir tief eingegraben.

Warum zum Beispiel werden aus starken irgendwann schwache Verben? Warum geht „buk“ in den sprachhistorischen Tiefen verloren und wird zu „backte“? Und warum scheint es nicht abwegig, dass der Satz „Gestern scheinte die Sonne“ bald nicht mehr als gänzlich falsch erachtet werden dürfte? Die Sprecher einer Gemeinschaft gehen, ohne dass ihnen das in der Regel bewusst wäre, den Weg des kleinsten Widerstands und tun das, was am einfachsten ist.

Auf diese Weise verändert sich die Sprache, regiert von einer „unsichtbaren Hand“, quasi schleichend, und vermeintlich feste Normen weichen auf. So gehen die „komplizierten“ Formen des Konjunktivs allmählich verloren und wirken in gesprochener Sprache inzwischen altertümlich. Wer daran glaubt, dass es im Deutschen unveränderbare Regeln gebe, kann nicht fassen, dass das, was in der eigenen Schulzeit als falsch galt, mit einem Mal toleriert wird.

Solche Veränderungen rufen immer wieder scharfe Kritik hervor. Denn in Sprachangelegenheiten regiert der feste Glauben an ein unumstößliches Regelwerk, das keine Aufweichung dulde. Konservatismus findet hier sein ureigenes Revier, unabhängig davon, wie sehr sich die Fachwissenschaft gegen ein derart ahistorisches, überall Niedergang witterndes Denken wendet.

Sammelhort solcher sprachpuristischen Anschauungen ist seit vielen Jahren der mitgliederstarke, von dem Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer angeführte Verein Deutsche Sprache (VDS). Seinem elfköpfigen Vorstand gehören lediglich zwei Frauen an, eine davon ist AfD-Mitglied; das Alter der meisten Vorstandsmitglieder liegt jenseits der siebzig – Indiz dafür, dass das Streben, das „gute“ Deutsch zu bewahren, auch eine Generationen- und Geschlechterfrage ist. Lange Zeit war die Vielzahl der Globalisierung und Technikentwicklung geschuldeten Anglizismen das Hauptangriffsziel der VDS-Sprachhirten, doch die tapferen Versuche, den Laptop zum „Klapprechner“ zu machen, fruchteten wenig.

Eingriffe, um ein gesellschaftliches System sprachlich aktiv zu verändern, galten hierzulande als verpönt. Das hat sich in letzter Zeit markant geändert, und das liegt vor allem an Bestrebungen, die sich auf die Fahnen schreiben, auch in der Sprache für Geschlechtergerechtigkeit sorgen und diskriminierendes Vokabular vermeiden zu wollen. Während die aufkommende feministische Sprachwissenschaft in den 1970er- und 1980er-Jahren anfangs fast wirkungslos blieb, ist daraus in den letzten Jahren eine breite Strömung entstanden, mit der Sprache gezielt gelenkt werden soll.

Der Mann als Norm, das gilt endgültig als überholtes Konzept, und wenn es mit der ausgewogenen Besetzung in Chefetagen oder Parlamenten und mit der Lohngerechtigkeit nur mühsam vorangeht, scheint die Sprache der ideale Tummelplatz für emanzipatorisch begründete Eingriffe – in der vagen Hoffnung, dass eine „richtige“ Sprache das Bewusstsein und gesellschaftliche Realitäten zu verändern vermag. Knackpunkt ist das generische Maskulinum, also jene Verwendung von maskulinen Substantiven, die – so die Lehre der Grammatik – sexusindifferent seien.

Ein Satz wie „Der Wähler hat entschieden“ sei geschlechtsneutral, und das generische Maskulinum umfasse Männer wie Frauen gleichermaßen. Für alteingesessene Linguisten ist das eine Selbstverständlichkeit, doch jüngeren, an Geschlechtergerechtigkeit interessierten Sprecherinnen und Sprechern lässt sich das kaum vermitteln. Die gern bemühte Formulierung, dass Frauen „mitgemeint“ seien, erntet nur mehr Hohn und Spott.

Auf leisen Sohlen entwickelten sich in der Folge sanfte alternative Formen wie „Die Wählerinnen und Wähler“. Zum eigentlichen Anstoß wurden jedoch Schreibungen wie „WählerInnen“, „Wähler_innen“, „Wähler*innen“ oder zuletzt „Wähler:innen“. Vor allem der in Texten auffällig hervortretende Genderstern erregt seine Verächter so sehr, dass der „Spiegel“ vor Kurzem gar vom „Kulturkampf um die Sternchen“ sprach.

Was sich aus dem ehrbaren Ansinnen einer Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache entwickelte, ist erstaunlich – und alarmierend. Wo man sich üblicherweise mit Händen und Füßen gegen staatliche oder institutionelle Sprech- und Schreibvorschriften wehrt, macht der Genderstern aktive Sprachlenkung mit einem Mal salonfähig. Ausgehend von akademischen, sich progressiv verstehenden Zirkeln, „genderten“ bald nicht nur Universitäten und Bildungseinrichtungen. Nach und nach schlossen sich Stadtverwaltungen und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten an, als gälte es wenigstens auf dieser Ebene gesellschaftlich voranzukommen. Zuletzt erklärte sogar der Deutsche Bundestag, Genderschreibungen in allen möglichen Spielarten für Verwaltungsdrucksachen zuzulassen.

Sagen wir es offen: Der Genderstern oder der Genderdoppelpunkt sind von der geltenden Norm nicht abgedeckt. Was der Rat für deutsche Rechtschreibung befindet, wird von Stadtverwaltungen oder vom Deutschen Bundestag konterkariert und für null und nichtig erklärt. Wer in einem Schulaufsatz den Satz „Die Polizei verhaftete mehrere Triebtäter*innen“ niederschreibt, muss damit rechnen, dies als Rechtschreibfehler angestrichen zu bekommen, während gleichzeitig Behörden das Gendersternchen als Ausweis ihrer aufgeklärten Haltung hinausposaunen. Eine absichtlich falsch schreibende Verwaltung – welche Schülerin, welcher Schüler soll das begreifen?

Sagen wir es noch offener: Der gut gemeinte Gender-stern soll eine dem Deutschen völlig fremde neue Wortbildungsform schaffen. Er ist in längeren Texten unschön anzusehen, stört den Lesefluss, und seine durchgängige Handhabung führt zu zahllosen Inkonsequenzen und Widersprüchen. „Der Protest der Bauern“ ist mit einem Genderstern schwerlich umzuformulieren, und sobald in Texten Genitive oder Artikel und Adjektive („Gesucht wird ein*e erfahren*er Heilpraktiker*in“) ins Spiel kommen, entsteht Chaos.

Der Genderstern, dieses Sprachlenkungs- und Sprachbevormundungsmanöver, zieht zuhauf Probleme nach sich. Der alte Grundsatz, dass sich Geschriebenes problemlos aussprechen lassen sollte, ist hier nicht leicht durchzuhalten, doch wo ein Wille, da ein Weg: Das Sternchen wird als Kunstpause, mit dem sogenannten Glottisschlag, gesprochen – eine Affigkeit, vor der selbst TV-Galionsfiguren wie Claus Kleber und Petra Gerster nicht zurückschrecken.

Das „harte“ Gendern ist immer noch eine Milieuangelegenheit. Auf den Höhen des Erzgebirges und in den letzten Winkeln Niederbayerns spielt es keine Rolle, bleibt schlichtweg unverstanden. In Umfragen wird das Gendern mehrheitlich abgelehnt, und wem das Sternchen missfällt, darf sich ruhig zurücklehnen: Sprachökomisch sind dessen komplexe Varianten nicht. Eine „erfundene“ Wortbildungsform, die nicht aus dem Alltagssprechen erwachsen ist, hat wenig Zukunftschancen. Wenn, so die Linguistin Ewa Trutkowski, die „Vermeidung unnötiger Komplexität“ eine der „Haupttriebfedern für Sprachwandel“ darstellt, darf man auf den Lauf der Zeit bauen.

Der Genderstern ist zum Symbol geworden. Letztlich steht er stellvertretend für den Willen, Anschauungen zu oktroyieren, die man für richtig und aufgeklärt hält. Mit dem Rückenwind der Medien ist es plötzlich legitim, Sprache ideologisch zu steuern – oder mit den Worten Ewa Trutkowskis: „Wer gendert, ist lieb und links.“

Die Gewissheit, recht zu haben, und die Absicht, dies mit leisem, aber bestimmtem Druck umzusetzen, haben längst unsere gesamte Gesellschaft erfasst. Sie finden sich nicht allein auf der Seite der neuen Rechten, sondern sind in linksidentitären Kreisen fest etabliert. Wer sich im Besitz des „richtigen“ Bewusstseins wähnt, scheut sich nicht, das rigoros durchzusetzen. Folgerichtig ist es in diesem Zusammenhang, dass exzessives Gendern Wasser auf die rechten Gesinnungsmühlen gießt. Diejenigen, die „lieb und links“ sein wollen, sorgen so unwillkürlich für Zulauf bei der Rechten.

Der Wille, in der Sprache für die richtige Moral zu sorgen, beschränkt sich nicht nur darauf, das generische Maskulinum aufzuheben. Es geht seit Längerem – und mit guten Gründen – auch darum, den Wortschatz von diskriminierenden Elementen freizuhalten. Einen „Negerkuss“ und ein „Zigeunerschnitzel“ braucht es nicht mehr, doch wieder einmal scheint man das Kind mit dem Bade ausschütten zu wollen. Überall wittert die „Generation beleidigt“ (Caroline Fourest) Sprach- und Moralverbrechen und will (vermeintliche) Rassismen, Sexismen und Antisemitismen ausmerzen. Keine Sprach- oder Diskurssünde zu begehen, ist nahezu unmöglich.

Merkwürdigerweise hat sich auch die ehrwürdige Instanz des „Duden“ davon vereinnahmen lassen. Beschränkte man sich früher darauf, den Sprachgebrauch zu beobachten, durchgesetzte Lemmata aufzunehmen oder aus der Mode Gekommenes aus dem Korpus zu werfen, so begnügt man sich damit nicht mehr. Der als Standardwerk geltende Band „Die deutsche Rechtschreibung“ geht seit einiger Zeit dazu über, Sprachgebrauch nicht nur zu beschreiben, sondern sacht zu reglementieren. Der 28. Auflage von 2020 sind so dreiseitige Anmerkungen zum „geschlechtergerechten Sprachgebrauch“ vorangestellt.

Gravierender jedoch ist, dass der Duden seinen Benutzerinnen und Benutzern vorzuschreiben sucht, wie man zu sprechen habe. So finden sich, wie zum Teil schon in der vorangegangenen Auflage, separate Infokästchen, die Warnschilder aufstellen. „Rasse“, „Neger“, „Behinderter“ oder „zwergwüchsig“ sind Beispiele, bei denen der Duden aus der Rolle fällt. Eigens erweitert wurden die Zusätze, welchem Sprachniveau ein Wort angehöre. Wo in der Vergangenheit „umgangssprachlich“, „gehoben“, „veraltet“, „abwertend“ oder „derb“ ausreichten, kommt nun ein „diskriminierend“ hinzu – etwa bei „Schickse“, „Flittchen“, „Schlitzauge“, „Kümmeltürke“, „Krüppel“ oder „Kanake“, nicht jedoch bei „Itaker“ und „Hurenbock“.

Die dezente Anmaßung, die in solchen Ausführungen steckt, erreichte zuletzt ihren Höhepunkt, als der „Duden“ beschloss, in seiner Online-Version das generische Maskulinum für nicht existent zu erklären. Schlägt man dort unter „Mieter“ nach, findet man die Bedeutungserklärung: „männliche Person, die etwas gemietet hat“. Das ist blanker Unsinn und täuscht vor, dass das generische Maskulinum im aktuellen Sprachbewusstsein nicht mehr präsent sei. Dass die „Duden“-Redaktion zudem ihre kreativen Seiten zeigt und Formen wie „Bösewichtin“ oder „Gästin“ für wörterbuchfähig hält, mehrt ihre Glaubwürdigkeit nicht. Wo sich diverse Menschen in diesen Definitionen wiederfinden sollen, bleibt überdies ein Rätsel.

Der Wunsch, Sprache zu lenken und Kultur zu „säubern“, kennt kaum noch Grenzen, zeugt von einem ahistorischen Denken, das so tut, als hätten wir den Gipfel an Aufgeklärtheit erreicht, und führt zu einem Klima der Intoleranz. Wir leben zunehmend in einer illiberalen Gesellschaft, in der die Ausgrenzerinnen und Ausgrenzer den Ton angeben wollen und die „Unfähigkeit, Ambivalenz auszuhalten“ (Svenja Flaßpöhler), zu einem Rigorismus auf vielen Ebenen führt. Wer das Gendersternchen setzt und es spricht, will das in der Regel nicht, trägt dazu jedoch stillschweigend bei.

* Rainer Moritz leitet seit 2005 das Literaturhaus Hamburg. Er ist Literaturkritiker und Autor zahlreicher Bücher; zuletzt erschien sein Roman „Als wär das Leben so“ (Kampa). Sein Text ist die gekürzte Fassung eines Essays, der am 12. April in der „FAZ“ erschien.

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