Warngau – Der junge Mann, der die neue Bremse und die aufgefrischte Fahrrad-Kette auf dem Hof probiert, hat Glück. Großes Glück. „Das Neue ist im Juli da“, ruft ihm Fabian Kniegl zu. Der Radler grinst. So flott wie er kommen die wenigsten an ein neues Fahrrad. Denn: Der Lockdown setzt immer mehr Menschen auf den Sattel. Die Nachfrage in den Radl-Läden und -Werkstätten ist extrem – und die Lieferzeiten für neue Bikes und Ersatzteile lang.
Der Verkaufsraum von Kniegls „Bike-Ranch“ in Reitham (Landkreis Miesbach) ist gut gefüllt. Kinderräder, E-Bikes, Trekking-Räder: Die Auswahl ist groß. Beim Gang durch den Laden erkennt man nicht sofort, warum der 43-Jährige nicht mehr weiß, wie er die ungebrochene Nachfrage nach neuen Rädern bedienen soll. Dafür muss man ein paar Schritte abwärts gehen: Im Keller, der als Lagerraum des Rad-Geschäfts dient, zeigt sich nämlich ein völlig anderes Bild.
Zweistöckig kann der Händler hier Fahrräder abstellen. „Um diese Jahreszeit ist das Lager voll, damit wir durch den Sommer kommen“, sagt Kniegl. Eigentlich. Denn bis auf 15 Räder ist der Keller leergefegt. Im Fahrradkeller eines durchschnittlichen Mehrfamilienhauses stehen mehr einsatzfähige Bikes als im großen Lagerraum der Bike Ranch. „Es ist Wahnsinn“, sagt Kniegl, seine Stimme hallt in der Leere. Ein paar Räder stehen noch im zweiten, deutlich kleineren Lagerraum. Durch den Sommer kommt Kniegl damit nicht.
Seit 28 Jahren arbeitet er in der Branche. Als Jugendlicher schraubte Fabian Kniegl in einer Werkstatt, vor fast 20 Jahren machte er sich mit der Reithamer Bike-Ranch selbstständig, erweiterte den Laden zwei Mal. „In all den Jahren habe ich so etwas noch nicht erlebt.“ Und wahrscheinlich erlebt er einen solchen Ansturm auch nie wieder.
Er öffnet sein E-Mail-Postfach. Über das Wochenende hat er über einhundert neue Anfragen aus ganz Bayern erhalten – und der Anrufbeantworter ist auch voll. Es ist ein nie dagewesener Radl-Boom. Woher der kommt? „Die Leute haben mehr Zeit“, erklärt Kniegl. Und weil große Urlaubsreisen oder regelmäßige Restaurant-Besuche wegfallen, „haben manche auch mehr Budget“. Das sind gute Nachrichten für einen Fahrradhändler. „Ich will mich auch nicht beschweren“, sagt er. Die Nachfrage strapaziert dennoch seine Nerven. Denn die Lieferzeiten für neue Räder und Ersatzteile sind enorm lang. Als seine Vorräte zur Neige gingen, viel früher als sonst, hat Kniegl nachbestellt, mehrfach, bei verschiedenen Herstellern, ganz unterschiedliche Modelle. Sein Lager füllte sich dadurch nicht. Dafür aber das Auftragsbuch, in dem er festhält, auf welche Räder er noch wartet. Allesamt versehen mit dem geplanten Lieferdatum. Die Modelle, die noch in diesem Jahr in Reitham ankommen sollen, hat er mit rosa Edding markiert. Der Großteil der Seiten blieb schwarz-weiß. „2022“, teilweise „2023“ steht im Geheft. Und da, wo die rosa Markierung eine baldige Lieferung ankündigt, hat Kniegl fast ausnahmslos einen Namen dahinter geschrieben. „Alles, was in diesem Jahr kommt, ist eigentlich schon verkauft.“ Ausnahmen gibt es, ein paar Modelle sind noch verfügbar, „aber große Auswahl haben wir nicht“.
Wer ein neues Rad möchte, muss Geduld mitbringen. „Manche warten auf das perfekte Modell.“ Nicht alle haben so viel Durchhaltevermögen, viele springen ab oder kaufen ein Modell, das nicht optimal passt. „Bei einer so großen Investition würde ich keine Kompromisse machen“, sagt Kniegl. „Räder sind kein Klopapier. Da nimmt man in der größten Not mal einlagiges – beim Fahrrad sollte man das nicht“. Trotzdem: „Manche kaufen irgendein Radl und sind später unzufrieden.“ Immer wieder versucht der Händler, seinen Kunden zu erklären, warum sich die Geduld auszahlt. Die Erfolgsbilanz dieser Gespräche ist dürftig. Seine Kunden wollen so schnell wie möglich auf den Sattel.
Nicht nur im Verkauf muss Kniegl viele Kunden vertrösten: Auch die Radl-Werkstätten sind heillos überlastet. In der Bike-Ranch in Reitham, einem Ortsteil von Warngau, schrauben zehn Mitarbeiter im Stakkato. Zu dieser Jahreszeit ist es in der Werkstatt immer stressig, viele Kunden lassen nach den ersten warmen Tagen des Jahres ihren Drahtesel fit für die geplanten Sommer-Touren machen. „Was wir dieses Jahr erleben, ist aber nur noch wahnsinnig“, sagt Kniegl. Drei Montage-Plätze gab es jahrelang in der Werkstatt. Das reichte aus. Inzwischen hat Kniegl auf acht aufgestockt. Seine Mitarbeiter nutzen sie alle gleichzeitig – und kommen trotzdem mit der Arbeit kaum hinterher.
Die Räder stapeln sich im Vorraum der Werkstatt in Reitham. Teilweise fehlen ihnen Lenker, Reifen, Verbindungsstücke. „Es ist wahnsinnig schwer, Ersatzteile zu bekommen“, sagt Kniegl. Einige stehen schon seit Wochen hier, die Besitzer warten auf Lieferungen. Federgabeln für einige Modelle zum Beispiel hat Kniegl vor über zwei Monaten bestellt. Immerhin 44 Stück sollen demnächst ankommen. Wie lange das reicht, wird sich zeigen.
Der Lockdown macht die Situation noch schwieriger: Einige Kunden haben ihre Räder „nach zehn Jahren aus der Scheune rausgekramt und reparieren lassen“. E-Bikes und Trekking-Räder müssen viel intensiver gewartet werden, weil, sagt Kniegl, „die Leute vier- oder fünftausend Kilometer im Jahr fahren“ und der Verschleiß groß sei. 140 Räder werden an Spitzentagen zur Reparatur gebracht, vor der Pandemie waren es „vielleicht mal 40“.
Weil die Werkstatt diese Massen nicht aufnehmen kann, stellen Kniegls Kollegen einige Räder in einem großen Container vor dem Laden ab. Der ist immerhin überdacht – oft reicht aber auch dieser zusätzliche Lagerplatz nicht und der große Hof des Geländes wird zum überdimensionalen Fahrrad-Parkplatz.
Fabian Kniegl würde gerne mal abschalten. Am liebsten bei seinem Hobby, dem Radeln. „Die Zeit habe ich im Moment nicht, ich bin dauernd im Laden“, sagt er. Sein Hobby teilt er im Moment mit vielen Menschen.