Erding – Hochwasser an Inn oder Donau sind wiederkehrende Naturkatastrophen. Aber an der Sempt? Die Bürger von Erding und den umliegenden Gemeinden wurden davon am 2. Juni 2013 überrascht, zuletzt war der kleine Fluss 1920 nennenswert über die Ufer getreten. Tagelang hatte es im Mai 2013 geregnet, die Böden waren vollgesogen und Gräben überlastet. Keller liefen voll, Straßen waren unpassierbar, im Ortsteil Altenerding mussten Anwohner mit Schlauchbooten evakuiert werden.
Seitdem wird um den Hochwasserschutz gerungen. In der 38 000-Einwohner-Stadt wehren sich Bürger gegen die vom Wasserwirtschaftsamt geplanten Mauern und Deiche entlang der Sempt. Sie hätten sich ein großes Rückhaltebecken am Oberlauf auf dem Gemeindegebiet von Wörth gewünscht. Bis eine Lösung gefunden ist, blicken auch die Unterlieger voller Sorge auf die Entwicklung. Denn wenn die Wassermassen bei hohen Pegelständen effektiv durch Erding geschleust werden, schießen sie auf Berglern oder Eitting zu. „Irgendwo muss das Wasser hin, es verdampft ja nicht“, warnte Anfang 2020 der damalige Eittinger Bürgermeister Georg Wiester.
Momentan steckt die Debatte fest. Das Wasserwirtschaftsamt hatte zunächst ein Rückhaltebecken mit Staudamm favorisiert und es im März 2020 zu den Akten gelegt – zu groß und zu teuer. Bleiben also Spundwände und Wälle im Erdinger Stadtgebiet. Die Bürgerinitiative (BI) „Naturnaher Hochwasserschutz“ übergab 4588 Protestunterschriften an den Oberbürgermeister. BI-Sprecher Christian Veicht fordert einen Planungsstopp, um einer dezentralen, naturnahen Lösung den Weg zu ebnen. Doch an den begradigten Fluss- und Bachläufen sind schlanke Lösungen mit wenig Flächenverbrauch günstiger zu haben. Aussagen des Wasserwirtschaftsamts im Januar 2021 machten da etwas Hoffnung. Demnach bestehe in Altenerding die Chance, auf Mauern und Deiche zu verzichten oder sie kleiner zu bauen. Die Alternative: Hochwasserschutz mit mobilen Alu-Tafeln. Diese Option hat der Stadtrat Erding jedoch soeben verworfen. Denn für das Aufstellen der Schilde auf einer Länge von 170 Metern müssten Bauhof und Feuerwehren gut 30 Mann abstellen – für mehrere Stunden, wenn sie schon beim Auspumpen der Keller benötigt werden. Nun steckt die Debatte in einer Sackgasse. Gleichzeitig fehlen der Schulterschluss mit den Nachbarkommunen und die nötige Einigkeit in der Erdinger Stadtpolitik. TIMO AICHELE