„So viel Wasser – es war unfassbar!“

von Redaktion

VON UTE WESSELS UND KATHRIN BRAUN

Simbach am Inn/München – Es dauerte keine fünf Minuten, bis Hans Braumillers Bäckerei in Trümmern lag. „Der Simbach füllte sich schon seit Stunden“, erinnert sich der Bäckermeister, 77. „Als ich im Keller nach dem Rechten schauen wollte, stand er schon zur Hälfte unter Wasser.“ Von da an ging es rasant. Die Massen an Wasser und Schlamm zerdrückten Tische und Bänke, Baumstämme schossen durch die Ladenfenster in die Bäckerei. „Ich lief, eigentlich schwamm ich nach draußen“, erzählt Braumiller. Kurz darauf stand das Wasser bis zur Decke. Fünf Jahre ist das jetzt her.

Der Flut folgt eine Welle der Solidarität

Mehrere Meter hoch ist die Flutwelle, die am 1. Juni 2016 nach tagelangem Regen Simbach am Inn erfasst. Sie zerstört Häuser, schwemmt Autos davon, reißt fünf Menschen in den Tod. Das „Jahrtausendhochwasser“ verwandelt Teile des Ortes im Kreis Rottal-Inn in eine Geisterstadt. Mittlerweile sind die Häuser wieder hergerichtet oder abgerissen, Kanalisation und Straßen saniert. Und der Simbach plätschert geradezu unschuldig durch sein steinernes Bachbett.

Auch in Braumillers Bäckerei wandern wieder Semmeln und Brezn über die Ladentheke. Eineinhalb Jahre hat der Wiederaufbau gedauert. „Wir hatten nichts“, sagt er. „Keine Rührgeräte, keine Knetmaschine, keinen Ofen.“ Die ersten Tage nach der Katastrophe steckten er und seine Familie bis zu den Knien im zähen Schlamm. Aber Schritt für Schritt befreiten sie sich: Die Wände wurden saniert, die Fliesen neu verlegt. Auch der Boden musste erneuert werden, weil er sich mit ausgelaufenem Heizöl vollgesogen hatte. Braumiller: „Es war wirklich anstrengend.“

Das Geld musste die Familie vorstrecken, erst später übernahm der Staat etwa 80 Prozent der Kosten. „Meine Frau hat mal gesagt: ,Hör auf, wir brauchen doch gar nicht mehr anfangen.‘ Aber mir war das wichtig. Ich wollte meine Bäckerei wiederhaben.“ Den Familienbetrieb gibt es seit 1938 – schon sein Großvater stand damals hinter der Theke.

Die Katastrophe hat in Simbach Spuren hinterlassen, die man nicht auf den ersten Blick erkennt. Noch immer stehen Geschäfte leer, Baustellen erinnern ebenso an die Monsterwelle wie die vielen neu gestrichenen Fassaden. Ein Radfahrer stoppt und erzählt drauflos: „Es war unfassbar. So viel Wasser! Und wie schnell das ging!“ Eine halbe Stunde davor sei seine Frau noch die Straße entlanggeradelt. „Nur wenig später – und sie wäre von der Flut mitgerissen worden.“

Die Flut hat aber nicht nur gewütet, sondern auch eine Welle der Solidarität ausgelöst. Unzählige Freiwillige rücken, als sich das Wasser zurückgezogen hat, mit Eimern und Schaufeln an, schippen Schlamm, schleppen kaputte Möbel aus den Häusern. Aus fast jedem Eingang und Kellerfenster dringt Bohren und Hämmern. Lastwagen entsorgen den Schutt, Helfer reichen Semmeln und Getränke. „Die Hilfsbereitschaft war riesig“, erzählt eine Anwohnerin, die anonym bleiben will. „Es sind bei uns im Haus 17 Stufen bis in den ersten Stock. Das Wasser ging bis Stufe 14“, berichtet sie. Als sie mittags von der Arbeit heimgefahren sei, habe der Simbach zwar viel Wasser gehabt, dass nur eine Stunde später ihr Haus geflutet sein würde, habe sie sich „im Traum nicht vorstellen können“.

Die Anwohnerin steht in ihrem Vorgarten und erinnert sich: Wie sie von ersten Kellern hört, in denen Wasser steht, wie eine nahe gelegene Wiese überschwemmt wird. „Da kamen Entlein angeschwommen.“ Wenig später rauscht Wasser die Straße hinab und auch in ihr Haus. „Das Wasser ist gestiegen, gestiegen und gestiegen. Gott sei Dank bin ich nicht in den Keller gegangen, da wäre ich nicht mehr rausgekommen.“ In der Not greift die Frau, was auf die Schnelle geht, Schuhe, Dokumente, und wirft es die Treppe hinauf in den ersten Stock. Binnen Minuten läuft alles voll. In den oberen Räumen warten sie und ihr Mann auf Hilfe und hören, wie das Wasser die Einrichtung zerstört. Es rumpelt, wenn wieder ein Schrank umkippt. Im Wasser auf der Straße schwimmen dicke Karpfen. Einer ihrer Nachbarn, erzählt sie, ertrinkt.

Bei Regen beobachten jetzt viele den Simbach

Als die Flut weg ist, beginnt das Aufräumen. Nach vier Wochen sei das Obergeschoss wieder bewohnbar gewesen, erzählt die Frau. Eine Kochplatte dient als Küchenersatz, acht Monate laufen die Trocknungsgeräte. Bis alles saniert war, seien zwei Jahre vergangen. Wenn es jetzt stark regnet? „Das macht mich nicht nervös. So etwas passiert kein zweites Mal“, sagt sie. Außerdem vertraut sie auf die Hochwassermaßnahmen, die ergriffen werden. Andere, erzählt Simbachs zweiter Bürgermeister Bernhard Großwieser, sind nicht ganz so entspannt und würden bei längerem Regen schon auch den Simbach im Auge behalten (siehe Interview).

Für 40 bis 45 Millionen Euro wird das Bachbett des Simbachs verbreitert. Das Bächlein schlängelt sich in engen Kurven durch die Stadt und mündet in den Inn. Ein Teil der Maßnahmen ist bereits fertig. Unterstützt wird die Stadt unter anderem von Experten der Universität für Bodenkultur in Wien, die die Hochwasserkatastrophe, der ein 37-stündiger Regen und ein Dammbruch vorausgingen, damals rekonstruiert hatten.

In Vergessenheit soll das Drama vom 1. Juni 2016 nicht geraten. Am fünften Jahrestag wollen die Menschen bei einer Gedenkstunde an die fünf Mitbürger erinnern, die in den Fluten umkamen.

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