3 FRAGEN AN
Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller glaubt, dass der Papst das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx annehmen wird.
Wie kann der Papst reagieren?
Der Papst ist völlig frei, mit dem Rücktrittsangebot so umzugehen, wie er denkt. Er kann ihm sagen: Du musst weitermachen. Er kann das Rücktrittsangebot annehmen – dann ist Marx ein emeritierter Diözesanbischofs. Die dritte Möglichkeit ist, dass er es annimmt und ihm gleichzeitig eine neue Aufgabe zuweist. Letztere halte ich für die wahrscheinliche Variante. Kardinal Marx ist kirchenpolitisch ein Schwergewicht. Er gehört zum „Kabinett“ des Papstes. Es muss nicht eine Kongregation in Rom sein. Aber er könnte im Auftrag des Papstes im Bereich des Schutzes der Kinder weiter arbeiten.
Was ist strategisch klug?
Das kann man ganz schwer einschätzen. Der Papst wird es als großen Verlust erleben, dass Kardinal Marx seinen Rücktritt angeboten hat, weil er für ihn eine starke Stütze in Deutschland und in Europa ist. Er braucht ihn weiter für seinen päpstlichen Dienst. Man kann aus dem Text von Kardinal Marx aber auch herauslesen, dass er vom Papst energischer fordert, jetzt Reformen anzustoßen. Gerade im Blick auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen. Kardinal Marx hat festgestellt, dass Reformen in Deutschland, aber auch weltkirchlich nur äußerst mühsam voranzutreiben sind. Er will ein Zeichen setzen, dass man die Gestalt von Kirche verändern muss. Man muss sich, wie er sagt, denen zuwenden, denen das Evangelium vorrangig zugesprochen ist: den Schwächsten und Kleinen. In dem Bereich könnte der Papst ihn einsetzen.
Kardinal Woelki will im Amt bleiben. Ist der Marx-Vorstoß verpufft?
Nein, das sind zwei verschiedene Fallsituationen. Am Montag kommen in Köln die Apostolischen Visitatoren an. Das ist kein Freundschaftsbesuch, sondern ein Kontrollbesuch, weil der Papst feststellt, dass in Köln schwere Fehler gemacht wurden. Das wird jetzt untersucht – auch die Verantwortlichkeit des Kardinals im Umgang mit Fällen von sexuellem Missbrauch ist längst nicht aufgeklärt. In Köln ist im Unterschied zu München zudem das Tischtuch zwischen den Gläubigen und dem Kardinal komplett durchschnitten. Kardinal Woelki fehlt im Unterschied zum Münchener Kardinal die notwendige intellektuelle wie empathische Kompetenz im Umgang mit Opfern von sexueller Gewalt. Und es fehlt ebenso an der politischen Einsichtsfähigkeit, um zu erkennen, dass er nicht mehr tragbar ist. Der Moment des souveränen Abschiednehmens ist längst verpasst. Interview: C. Möllers