Corona: Die Suche nach dem Ursprung

von Redaktion

VON CHRISTIANE KÜHL

München – Hat sich das Coronavirus Sars-CoV-2 über infizierte Tiere oder durch einen Laborunfall ausgebreitet? Die Laborleck-Theorie ist schon ein gutes Jahr alt. Es geht um die Frage, ob das Coronavirus aus einem Labor in der zentralchinesischen Millionenstadt Wuhan ausgetreten sein könnte. In Wuhan war das Virus Ende Dezember 2019 erstmals nachgewiesen worden. Dass sich genau dort auch ein Labor befindet, das an Coronaviren forschte, halten viele nicht für Zufall. In den USA befeuerte Ex-Präsident Donald Trump die These. Im Raum steht auch die Frage, ob China in Wuhan absichtlich gefährliche Erreger als Biowaffe schuf. Demokraten und Wissenschaftler lehnten die These als Unfug ab – unter anderem in einem Statement im Medizinjournal „The Lancet“, das auch der Berliner Virologe Christian Drosten unterschrieb.

Der neue US-Präsident Joe Biden hat die Frage nach dem Ursprung keineswegs zu den Akten gelegt und seine Geheimdienste beauftragt, zu klären, was es mit der These vom „Lab Leak”, also einem Laborleck, auf sich hat. Befreit vom Makel des Trump-Rassismus gehen inzwischen mehr Experten der These nach – und selbst einstige „Lab-Leak“-Gegner halten sie nun zumindest für plausibel. Das „Wall Street Journal“ berichtete kürzlich unter Berufung auf Geheimdienstquellen, dass drei Mitarbeiter des Wuhaner Instituts für Virologie (WIV) zu Beginn des Ausbruchs Ende 2019 mit Covid-ähnlichen Symptomen erkrankt gewesen seien. Das Institut erforscht seit Jahren Coronaviren bei Fledermäusen und deren mögliche Gefahren für Menschen.

China weist die Labortheorie wütend zurück. Zum jüngsten Schlagabtausch kam es am Freitag. Am Rande des G7-Gipfels mahnte US-Außenminister Antony Blinken in einem Telefonat mit Chinas Spitzendiplomat Yang Jiechi an, endlich Licht ins Dunkel zu bringen. Und er forderte, ein zweites Mal Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO ins Land zu lassen. Yangs Reaktion überrascht nicht. Die Theorie eines Laborunfalls sei „absurd“. Die USA versuche, das Virus zu politisieren.

Auch die EU hatte sich kurz vor dem G7-Gipfel geäußert. „Die Welt hat das Recht, genau zu erfahren, was passiert ist, um die Lehren daraus ziehen zu können“, sagte Ratspräsident Charles Michel und stellte sich hinter die USA. Die EU werde alle Anstrengungen unterstützen, um Transparenz zu schaffen und die Wahrheit herauszufinden. In ihrer Abschlusserklärung forderten die G7 gestern eine weitere Untersuchung.

Bislang gehen die meisten Experten davon aus, dass der Ausbruch in Wuhan nicht auf das WIV, sondern auf den Großmarkt „Huanan“ zurückgeht. Dort wurden auch lebende exotische Tiere verkauft – etwa Schleichkatzen, Dachse oder Schuppentiere. In und um den Wuhaner Markt wurden viele Spuren von Sars-CoV-2 entdeckt.

Nur zwölf Kilometer entfernt steht das WIV. Die wegen ihrer Forschung in Höhlen als „Batwoman“ (Fledermausfrau) bekannte WIV-Forscherin Shi Zhengli gehörte zu dem Team, das 2004 eine Fledermausart als Ursprung des ersten um die Welt gehenden Coronavirus identifizierte. Shi ist international anerkannt und warnt seit Jahren vor einer neuen Pandemie durch Fledermaus-Coronaviren. Am WIV arbeitet sie daher mit beschleunigten Mutationen, was nicht ohne Risiko ist. Daher operiert zumindest ein Labor des WIV unter dem höchsten Biosicherheitsstandard BSL4. Weltweit gibt es nur 59 solcher Labore.

Seit Jahren kooperiert das WIV auch mit US-Forschern – und sogar US-Fördermittel flossen dorthin, wie kürzlich bekannt wurde. So ging laut US-Zeitungsberichten Geld des „US National Institutes of Health“, der wichtigsten US-Behörde für biomedizinische Forschung, an ein Fledermausforschungsprojekt der „EcoHealth Alliance“ des britisch-amerikanischen Gesundheitsökologen Peter Daszak – und darüber an die Fledermausprojekte von Shi Zhengli am WIV.

Daszak und Shi arbeiten seit langem eng zusammen. Dass Daszak Mitglied der 13-köpfigen WHO-Delegation war, die Anfang 2021 nach Wuhan reiste, um den Ursprung des Virus zu suchen, stieß deshalb auf Kritik. Denn das Labor von Shi Zhengli gilt Lab-Leak-Verfechtern als das mögliche Leck.

Ende März legte das WHO-Team (aus zwölf Staaten einschließlich China) seine Erkenntnisse vor. Demnach könnte das Virus bereits vor Jahrzehnten in Fledermäusen entstanden und über Wirtstiere nach vielen Mutationen auf den Menschen übergesprungen sein. Die Laborthese bezeichneten sie als „extrem unwahrscheinlich“.

WHO-Generaldirektor Tedros Ghebreyesus merkte allerdings an, Teammitglieder hätten ihm „über Schwierigkeiten beim Zugriff auf Rohdaten“ berichtet. Laut dem britischen Magazin „Economist“ wurde dem WHO-Team die Ansicht epidemiologischer Daten der frühesten 174 Fälle verweigert. Die Rolle von Tiermärkten wie jenem in Wuhan bei der Übertragung sei noch unklar, sagte Tedros. Auch seien die Begutachtungen mehrerer Labore in Wuhan nicht ausreichend, um ein „Lab Leak“ auszuschließen Das Wissenschaftsmagazin „Nature“ hingegen zitierte Daszak mit der Aussage, das Team habe Antworten auf alle Fragen bekommen: „Der einzige Beweis, den die Leute für ein Laborleck haben, ist, dass es ein Labor in Wuhan gibt.“

Ende Mai erklärte US-Präsident Biden, er habe drei US-Geheimdienste beauftragt. Zwei neigten einer natürlichen Übertragung zu, einer eher der Laborthese. Er habe die Dienste aufgefordert, ihm in 90 Tagen Bericht zu erstatten. Auch der US-Chefvirologe Anthony Fauci forderte China auf, Krankenakten von WIV-Mitarbeitern herauszugeben – insbesondere den drei Ersterkrankten. Fauci, der wegen der Enthüllungen über die WIV-Fördergelder unter Druck steht, geht weiterhin von einer natürlichen Übertragung des Virus aus.

Chinas Präsident Xi Jinping weist die Laborleck-These als krude Verschwörungstheorie zurück und hält die Untersuchungen für abgeschlossen. China hebt lieber hervor, dass es das Virus weit erfolgreicher bekämpft habe als die USA oder Europa.

Solange Peking weitere Untersuchungen blockiert, kann es die Vorwürfe aber nicht entkräften – wie etwa neue Spekulationen, das WIV habe seine eigenen Sicherheitsregeln nicht immer korrekt befolgt. Zumal Pekings Maßnahmen zeigen, dass keineswegs alles rund lief zu Beginn der Pandemie. Nach der anfänglichen Vertuschung des Ausbruchs in Wuhan setzte die Zentralregierung ranghohe Funktionäre der Region ab, kündigte die beschleunigte Verabschiedung eines geplanten Biosicherheitsgesetzes an, verbot den Verkauf und Genuss wilder Tiere.

Das Wuhaner Institut für Virologie betont, dass kein Mitarbeiter des Hochsicherheitslabors mit Covid-19 infiziert war. Das Labor halte Proben der Mitarbeiter ein Jahr lang vor und habe diese im Januar 2020 noch einmal rückwirkend untersucht, berichtete die staatliche Zeitung „Global Times“ kürzlich unter Berufung auf Labordirektor Yuan Zhiming.

In einem Gespräch mit dem Magazin „Scientific American“ hatte Shi Zhengli im Sommer 2020 gesagt, sie sei selbst in Sorge gewesen, dass das Virus aus ihrem Labor sein könnte. Sie habe deshalb alle Proben der letzten Jahre mit dem neuartigen Virus verglichen. Keine der neuen Sequenzen habe mit denen der Viren übereingestimmt, die ihr Team in Fledermaushöhlen gesammelt hatte. „Ich hatte tagelang nicht geschlafen“, zitierte sie das Magazin. Die Ursachenforschung wird wohl noch eine ganze Weile andauern.

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