„Sport wird zur Bühne für viele Interessen“

von Redaktion

5 FRAGEN AN

Jürgen Mittag ist Professor für Sportpolitik an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Herr Professor Mittag: Wie beurteilen Sie die Aktion von Greenpeace?

Auch mich hat diese Aktion überrascht, wobei die Aktivitäten von Greenpeace schon immer stark auf Öffentlichkeitswirksamkeit ausgerichtet waren. Das hat in der Vergangenheit immer wieder zu Situationen geführt – man denke an das Abseilen von Autobahnbrücken –, in denen Risiken in Kauf genommen wurden.

Proteste bei Sportveranstaltungen nehmen zu …

Ausmaß und Intensität sind um ein Erhebliches gestiegen. Je populärer Sport wird, desto mehr bietet er eine Projektionsfläche für verschiedenste Protestformen. Das ist dadurch noch befördert worden, dass große Sportereignisse zunehmend in nicht-demokratische oder zumindest Nicht-OECD-Länder Länder vergeben werden. Die Thematik Menschenrechte und soziale Rechte ist weitaus stärker auf der Agenda als vor 20 Jahren.

Auch Sportler äußern sich immer häufiger.

Sportler rücken verstärkt in die Öffentlichkeit, haben ein höheres Maß an sozialer und politischer Verantwortung – was dazu führt, dass sie sich zu Wort melden. Nicht mehr so wie Berti Vogts, der bei der Fußball-WM 1978 in Argentinien gesagt hat, dass er hier keine Gefangenen sehe. Sportler sind heute aufgeklärter, über politische Rahmenbedingungen informiert. Das führt zu einer völlig neuen Protestkultur rund um den Sport.

Wobei der Protest von Greenpeace gar nichts mit Sport zu tun hatte.

Eine Trennung von Sport und Politik gibt es nicht mehr. Sportgroßereignisse werden heute medial begleitet, global übertragen. Das ist eine Bühne, die bespielt wird. Das hat Greenpeace getan und das werden noch andere tun. Im Moment werden die Grenzen des Machbaren neu ausgelotet. Was in der Allianz Arena passiert ist, überschreitet sicher das Vertretbare und man muss aufpassen, dass der Sport nicht zur beliebigen Spielwiese für die unterschiedlichsten Interessen wird.

Werden Proteste zunehmend radikaler?

Beim Sport würde ich aufgrund der Bandbreite der Proteste eher von einer Intensivierung sprechen. Jenseits des Sports erleben wir eine Phase, in der gesellschaftliche Diskurse erregter und auch extremer ausgetragen werden – gerade wenn Themen wie Menschenrechte oder Rassismus berührt sind. Dies führt auch zu neuen Protestrepertoires. Man kann also durchaus von einer gesamtgesellschaftlichen Radikalisierung der Proteste sprechen, die auch auf den Sport überschwappen kann.

Interview: Wolfgang Hauskrecht

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