Die fiesen Blutsauger schwärmen wieder aus

von Redaktion

VON WOLFGANG HAUSKRECHT

Wie wird der Sommer?

Eine Prognose sei schwierig, sagt Mückenforscher Dr. Helge Kampen. „Mücken brauchen stehendes Wasser und dann viel Wärme. Je wärmer, desto besser.“ Im Frühjahr sei es kalt gewesen, was schlecht für Mücken sei. „Aber das kann sich schlagartig ändern.“ Die Eier sind jedenfalls gelegt. Bleibt es trocken, bedeutet das weniger Mücken, wird es feucht und warm, kommt der nächste Mückenschub. So kann der Sommer auch verschiedene Mückenphasen haben.

Wie viele Stechmückenarten gibt es und wie viele davon sind zugewandert?

Es gibt aktuell 51 Stechmückenarten in Deutschland. Davon sind fünf eingewandert: die asiatische Tigermücke, die asiatische und die koreanische Buschmücke sowie zwei aus dem Mittelmeerraum stammende Arten, für die es noch keinen deutschen Namen gibt: Culiseta longiareolata und Anopheles petragnani. Nicht alle sind Überträger von gefährlichen Krankheiten. Drei davon sind aber wärmeliebend. „Das zeigt uns, dass sich das Klima ändert“, sagt Kampen. Die Tigermücke fühle sich hier eigentlich gar nicht wohl, schaffe es aber inzwischen gut, zu überwintern.

Wann sind Mücken aktiv?

Einheimische Mücken sind in der Regel abends und nachts aktiv. Tagsüber sitzen sie in den Büschen und warten. „Mücken brauchen hohe Luftfeuchtigkeit“, sagt Kampen. „Die fliegen nicht in der prallen Sonne herum.“ Im Wald, wo die Luftfeuchtigkeit hoch ist, können einheimische Arten auch tagsüber aggressiv und lästig sein. Die eingewanderte Tigermücke ist auch tagaktiv, sehr aggressiv und verfolgt den Menschen regelrecht. „Da hat man gar keine Ruhe davor“, sagt Kampen. Einheimische Mücken sind überwiegend lästig nach einer massenhaften Vermehrung, zum Beispiel sogenannte Überschwemmungsmücken nach einem Hochwasser. Überschwemmungsmücken sind Arten, die ihre Eier in feuchte Gebiete legen. Die Eier warten auf Hochwasser – kommt es, schlüpfen in kürzester Zeit Milliarden von Larven.

Wie kommen fremde Mückenarten zu uns?

Die wichtigsten Arten werden eingeschleppt über die Eier. Beispiel Tigermücke: Ihre Eier sind sehr austrocknungsresistent und werden nicht direkt ins, sondern oberhalb von Wasserstellen abgelegt und können dort längere Zeit überdauern. Ein Vehikel für die Tigermücke nach Europa, sagt Kampen, seien gebrauchte Autoreifen. In den gelagerten Reifen sammle sich Wasser, die Mücke kleben ihre Eier ans feuchte Gummi. Die Reifen würden nach Europa verschifft und wieder gelagert. Sobald es dann regnet und der Wasserstand in den Reifen mit den Eiern in Kontakt kommt, schlüpfen die Larven. Nach Deutschland ist die Tigermücke vermutlich über andere europäische Länder gekommen – in Autos von Reisenden. Entlang von Raststätten habe es zahlreiche Eierfunde gegeben. Kampen: „Sie fliegen in Südeuropa ins Auto rein und steigen in Deutschland wieder aus.“

Wie alt werden Mücken?

In der Natur vier bis sechs Wochen – wenn sie nicht vorher aufgefressen werden.

Saugen sowohl Männchen als auch Weibchen Blut?

Tatsächlich saugen nur weibliche Mücken Blut. „Sie benötigen die Blutproteine, um Eier legen zu können“, erläutert Kampen. Mücken können sich auch von süßem Pflanzensaft ernähren. Eier legen funktioniert aber nur über Blutsaugen. Gäbe es also keine Wirtstiere, würden Mücken aussterben.

Wann übertragen Mücken Krankheitserreger?

Mücken sind nicht von Natur aus Träger von Erregern, sondern müssen sich über einen Blutwirt erst selbst infizieren, erklärt Kampen. Das Virus gelangt in den Mückendarm, vermehrt sich in den Zellen und wandert bis in die Speicheldrüse. Beim Stich gibt die Mücke Speichel ab, dessen bioaktive Moleküle die Blutgefäße erweitern und sedierend wirken, damit man den Stich nicht gleich bemerkt. Über den Speichel gelangen auch die Erreger in den Menschen. Mücken können alle vier bis fünf Tage stechen.

Stechen Mücken nur Menschen?

Keineswegs. „Viele Mückenarten haben eine Wirtsspezifität“, sagt Kampen. „Manche Arten saugen an Vögeln, manche an Säugern. Nur wenige sind auf eine bestimmte Art festgelegt.“ Es gibt auch Mückenarten, die nur an Amphibien oder Reptilien saugen.

Welche Krankheiten übertragen Mücken?

2018 sei das West-Nil-Virus in Deutschland angekommen, sagt Kampen. Es wird von Zugvögeln aus Afrika mitgebracht und über heimische Mückenarten übertragen. „Wir gehen davon aus, dass wir es für viele Jahre behalten“, prophezeit Kampen. Das Virus überwintert in Stechmücken und verursacht beim Menschen meist nur grippeähnliche Symptome. „In Einzelfällen kann es aber ins zentrale Nervensystem gelangen und Entzündungen im Gehirn verursachen“, sagt Kampen. 2020 habe es den ersten Todesfall in Deutschland gegeben.  In Südeuropa treten immer wieder Dengue- und Chikungunya-Fieber auf. Überträger ist vor allem die asiatische Tigermücke. Auch Malaria wird vereinzelt noch festgestellt, wobei die europäischen Malariaerreger laut Kampen ausgerottet sind. Der Parasit wird heute also von Menschen aus den Tropen eingeschleppt und kann dann von den sieben in Deutschland ansässigen Anopheles-Mückenarten verbreitet werden. „Das kommt aber nur ganz, ganz selten vor.“

Ist die Tigermücke schon in Bayern?

Ja, und zwar in Fürth. Drei Fürther haben 2019 Tiere an den „Mückenatlas“ (siehe Kasten) geschickt. In einer Kleingartenanlage wurden dann Larven gefunden. „Leider hat die Stadt Fürth sehr lange gebraucht, um sich der Sache anzunehmen“, sagt Kampen. Die Folge: Fürth wird die Tigermücke wohl nicht mehr loswerden – auch wenn sie inzwischen bekämpft wird.

Warum reagieren Kommunen so langsam?

Das Thema Mückenbekämpfung sei für viele Städte und Länder noch immer Neuland, bedauert Kampen. Schon die Zuständigkeit sei unklar, weil es dafür kein Ressort gebe. Zudem fehle es an Expertise. „Die wissen gar nicht, was sie machen müssen. Wir beraten dann und geben Handlungsempfehlungen.“

Müssen Kommunen bei Mückenplagen handeln?

Das deutsche Infektionsschutzgesetz verlangt eine Bekämpfung erst, wenn tatsächlich Erkrankungen auftreten. Heißt: Allein das Vorhandensein von Mücken reicht nicht. „Das ist eine Lücke im Gesetz“, findet Kampen. Fürth sei ein Beispiel für die Folgen „Die Tigermücke werden wir nicht mehr los, weil sie schon an zu vielen Stellen in zu hohen Populationsdichten vorkommt.“

Was kann ich in meinem Garten falsch machen?

„Die Menschen züchten sich die meisten Mücken selber“, sagt Kampen. Die gemeine Hausmücke wie auch die Tigermücke seien Kulturfolger und würden jede kleine Wasserstelle nutzen – Regentonne, Wassereimer, Vogeltränken, Pfützen in Abdeckplanen. Hausmücken-Eier werden direkt ins Wasser gelegt und sind deshalb nicht austrocknungsresistent. „Einmal in der Woche ausleeren reicht schon, denn die Larven brauchen mindestens zehn bis vierzehn Tage, um zu schlüpfen, sagt Kampen. Bei Gartenteichen helfen Fische und Molche. „Die fressen die Larven weg.“ Bei der Tigermücke ist es schwieriger, weil die Eier nicht austrocknen.

Soll ich als Privatmann Chemie einsetzen?

In Privatgärten sei BTI ein beliebtes Mittel, sagt Kampen. Das Bacillus thuringiensis israelensis ist ein Bakterium, das ein Protein produziert, welches die Darmwand der Larven zerstört. „BTI ist nicht unumstritten“, sagt Kampen. Zwar baut es sich im Wasser und im Boden ab, aber die Frage, inwieweit BTI auch andere Insektengruppen schädigt, wird immer wieder gestellt. Zudem seien auch Stechmücken Nahrung für andere Tiere. Ob BTI in großem Stile, wie zum Beispiel am Oberrhein, eingesetzt werde, sei letztlich eine politische Entscheidung. BTI gibt es für den Kleinanwender auch in Tablettenform, etwa im Baumarkt. Eine Tablette in eine befallene Regentonne zu werfen, sieht Kampen weniger problematisch. „Da gibt es ja nichts anderes als Mückenlarven.“ In Tümpeln oder Teichen solle man BTI nicht anwenden.

Was lockt Mücken an?

Vor allem unser Körpergeruch und die verbrauchte Atemluft, also CO2. Zudem mögen Mücken manche Menschen lieber als andere. „Das liegt am Duft-Cocktail, den wir abgeben.“ Und an der Mückenart. So kann es sein, dass eine Person an einem Ort öfter gestochen wird als an anderen, weil dort eine andere Mückenart vorherrscht.

Was tun gegen Stiche?

„Vor allem nicht kratzen“, sagt Kampen. Das führe schnell zu Entzündungen. Kühlen hilft, und man kann die Stiche mit Alkohol (Schnaps geht auch) oder Desinfektionsmittel einreiben. Das kühlt auch und desinfiziert. Und: „Ein bisschen tapfer sein. Nach zwei Tagen sind die Stiche wieder weg.“

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