Die Jugend im Feierrausch

von Redaktion

VON KATHRIN BRAUN

München – Warmes Bier aus Plastikbechern hat selten so gut geschmeckt. Der Englische Garten ist knallvoll, es hat 30 Grad. Es duftet nach Sonnencreme, einige treiben auf aufblasbaren Donuts durch den Eisbach. Fünf Spezl machen die Wiese zu ihrem Wohnzimmer, bauen einen zweieinhalb Meter langen Tisch für ein Trinkspiel auf. Aus einer Box tönen Rocksongs aus den 80ern. Lukas, 22, schaut erst zu seinem Kumpel Felix, dann visiert er die blauen Becher auf der anderen Seite des Tisches an. Plopp. Der Ball ist drin. Felix fischt ihn raus und zieht den Becher leer – so schreiben es die Bierpong-Regeln vor.

„Es ist super“, sagt Lukas. „Wir sind vier Haushalte und müssen uns überhaupt keine Gedanken machen.“ Die Jungs studieren seit Oktober zusammen Wirtschaftsingenieurwesen. Trotzdem haben sie sich erst in den letzten Wochen richtig kennengelernt. „Wir sind fast alle extra fürs Studium nach München gezogen“, sagt Felix. Das Semester startete mit einem langen Corona-Winter in einer fremden Stadt. „Endlich können wir mal mit den Gesichtern aus der Online-Vorlesung ein Bier trinken.“

Der Winter scheint jetzt wie vergessen. Noch immer finden alle Vorlesungen online statt – aber sobald der Laptop zugeklappt wird, zieht es die Studenten in Scharen Richtung Uni. Ballermann im Englischen Garten, wilde Straßenpartys an der Türkenstraße. Für die Jungs war das anfangs noch befremdlich. „Klar, da hat schon ein schlechtes Gefühl mitgeschwungen“, sagt Lukas. „Aber mit den Impfungen wird es besser.“

In den vergangenen Wochen ist das Uni-Viertel zum Hotspot für Party-Exzesse geworden. Vor allem an der Türkenstraße kommen Anwohner bis in die Morgenstunden nicht zur Ruhe. Müll, Dreck und Lärm machen viele Münchner sauer. Die Stadt ringt seit Wochen um Lösungen. Man will der Jugend den Spaß lassen – aber gleichzeitig die Belästigung der Anwohner in Grenzen halten.

Jetzt soll die Party verlegt werden. Die Ludwigstraße wird zur Feiermeile, wie bei der WM 2006. Zwischen Odeonsplatz und Siegestor soll der Verkehr an Wochenenden gesperrt werden, um das Feiern auf der Türkenstraße zu entzerren. Wann es losgeht, ist offen, weil noch am Konzept gefeilt wird. Keinesfalls aber an den kommenden beiden Wochenenden, wie die Stadt gestern bekannt gab. Die Idee hat dennoch vor allem bei Gastronomen und Club-Besitzern Kritik ausgelöst (siehe Kasten).

Im Englischen Garten sonnen sich vier Mädels in Bikinis. Auf die neue Normalität stoßen sie mit Corona-Bier an. Daneben stehen eine Flasche Gorbatschow in einem Turnschuh und eine Beerenschorle zum Mixen. Der Wodka ist in der Sonne heiß geworden. Egal. „Seitdem das Wetter so gut ist, feiern wir jeden Tag“, erzählt Alexa, 18. Die Freundinnen haben vor ein paar Wochen ihre Abi-Klausuren geschrieben. Tagsüber geht es meist in den Englischen Garten, abends an den Professor-Huber-Platz an der Uni. „Da ist es immer super“, sagt Alexa. „Gute Stimmung, gute Musik, gute Leute. Ich lerne jeden Tag neue Menschen kennen.“ Letzte Woche hat spontan ein DJ aufgelegt, erzählt ihre Freundin Taya. „Super viele Menschen haben getanzt. Wie ein kleiner Rave.“ Techno-Bässe und Aperol Spritz to go, bis die Sonne aufgeht. „Klar, es sollte nicht eskalieren“, sagt Ananya, 19. „Aber ich finde auch, man sollte ein wenig Verständnis für uns haben. Wir haben uns ja für die älteren Menschen zurückgehalten – jetzt kann man uns doch gönnen, dass wir einfach den Sommer genießen wollen, oder?“

In der Maxvorstadt füllen sich ab 19 Uhr langsam die Bars. Kalte Drinks, Abendsonne. Sechs BWL-Studenten feiern im Schanigarten von „55 Eleven“ mit frisch gezapftem Paulaner ihre überstandenen Klausuren. „Endlich mal wieder das Leben nutzen“, sagt Ferdinand und nippt an seinem Bier. „In Bars trinken, essen gehen, das Leben wiederhaben.“ Aber nicht nur das Feiern hat gefehlt, meint Reinhard, von allen Reini genannt. „Einfach wieder Fußball und Tennis spielen. Oder in den Urlaub fahren.“ Bald fahren die Jungs nach Marbella. Die Vorfreude ist riesig. „Es ist schon komisch“, sagt Reini. „Sobald die Sonne scheint, kommt dieser Drang, sofort rauszugehen und etwas zu erleben. Ich bin jetzt 24. Mit 18 war das nicht so. Da konnte ich auch mal entspannt zu Hause bleiben.“ Jetzt nutze man aber jede Gelegenheit, um aus der kleinen Studentenwohnung zu fliehen.

„Die letzten Tage hier an der Türkenstraße waren aber schon gestört“, findet Ferdinand. „Als hätte es Corona nie gegeben. Extrem überfüllt.“ Trotzdem seien die Partys immer friedlich verlaufen, sagt er. „Die Polizei war da, hatte aber eigentlich nichts zu melden.“ Reini kann verstehen, dass Anwohner genervt sind. „Es ist definitiv sehr anstrengend. Ich wohne selbst um die Ecke.“ Ein paar Jungs widersprechen. Wer hier wohnt, hat sich das ausgesucht, heißt es.

Club-Atmosphäre an der nächsten Straßenecke: Im Café Zeitgeist schlürfen Studenten scharfe Moscow Mules und rauchige Whiskey Sours. Vor der Trendbar warten Menschen in einer 20 Meter langen Schlange auf den Einlass. Sophie und Maria winken ihren Freunden auf der Terrasse zu, sie halten einen Tisch frei. „Das Schönste ist, seine Freunde wiederzusehen“, sagt Maria. „Leute, die man ein Jahr nicht gesehen hat.“ Als Corona ausgebrochen ist, hat sie Abitur gemacht. „Das war besonders blöd. Kein Abiball, keine Abifahrt. Dann hat die Uni angefangen, aber da konnte man keine Leute kennenlernen.“ Seit ein paar Wochen sind die beiden regelmäßig abends im Uni-Viertel unterwegs. „Es fühlt sich alles wieder ziemlich normal an. Jetzt müssen nur noch die Clubs aufmachen“, sagt Sophie. Bis dahin bleibt die Stadt ihr Club.

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