Berlin – Ein halbes Jahr nach dem Start der bundesweiten Corona-Impfkampagne am 27. Dezember 2020 geht es meist noch um die erste und zweite Spritze. Die Wissenschaft denkt schon weiter. Hochbetagte und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem brauchen nach Meinung vieler Experten bereits in diesem Herbst eine dritte Impfdosis. Für jüngere und gesunde Menschen seien Auffrischungsimpfungen dagegen noch kein Thema.
„Wir müssen die nächste Phase beim Impfen jetzt schon andenken“, sagt Leif Erik Sander, Infektionsimmunologe an der Berliner Charité. „Ich gehe davon aus, dass wir bei älteren Menschen, die zu Beginn dieses Jahres ihre Erst- und Zweitimpfung erhalten haben, eine nachlassende Immunantwort sehen werden.“ Sander hält es für möglich, dass es ohne Auffrischungsimpfung im Winterhalbjahr zum Beispiel in Alten- und Pflegeheimen zu „einem gewissen JoJo-Effekt“ kommen könnte.
Belastbare Daten bis August erwartet
„Es ist überfällig, zu reagieren“, sagt auch Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz „Ich sehe aber weder bei Bund noch in den Ländern eine groß angelegte Initiative zu diesem Thema. Als Grund vermute ich Sorge vor einer Verteilungsdiskussion.“
Inzwischen ist gut die Hälfte der erwachsenen Bundesbürger einmal gegen Covid-19 geimpft, rund ein Drittel zweimal. Bis zum Herbst und Winter würden sich aber vermutlich sogenannte Immun-escape-Varianten durchsetzen, sagt Sander, also Mutanten, gegen die bisherige Impfstoffe mitunter schlechter wirken. Dazu zählt die Delta-Variante, deren Anteil auch in Deutschland steigt.
Für Charité-Wissenschaftler Sander ist es eine Notwendigkeit, bestimmten Bevölkerungsgruppen eine Auffrischungsimpfung, im englischen Fachbegriff „Booster“ genannt, anzubieten. Ein solcher Booster sollte dann Hochbetagten und auch Menschen mit Immunschwächen offeriert werden, etwa zum Zeitpunkt der Grippeschutzimpfung im Oktober.
Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), formuliert es vorsichtiger: „Die Daten dazu, wer wann erneut geimpft werden sollte, sind noch etwas unsicher“, sagt er. „Wir erwarten mehr Anhaltspunkte zur Dauer der Immunantwort nach einer Impfung bis zum August.“ Verlässliche Daten gebe es bisher nur für einige Gruppen von Menschen mit erheblicher Immunsuppression. Sie entsteht zum Beispiel, wenn das eigene Immunsystem bewusst durch Medikamente unterdrückt wird – wie nach einer Organtransplantation. „Diese Daten zeigen in der Tat, dass die Immunantwort in Abhängigkeit zur Immunsuppression bei Organtransplantierten viel schlechter sein kann. Sie liegt nur noch bei 50 Prozent“, berichtet Mertens. Normal sind nach zwei Impfungen sonst über 90 Prozent. Auch bei Rheuma- und Krebspatienten zeigten sich Defizite bei der Immunantwort. In solchen Fällen sei eine Nachimpfung zu empfehlen. „Dafür müssen wir aber erst ganz genau die immunsupprimierten Gruppen mit dem höchsten Risiko definieren.“
Experte: Nicht alle brauchen Nachimpfung
Große generelle Einschränkungen macht auch Charité-Forscher Sander. „Ich glaube nicht, dass wir uns alle zum Winter hin ein drittes Mal impfen lassen müssen.“ Die Impfstoffe seien sehr gut wirksam. Sie bauten auch ein Immungedächtnis auf, das zumindest beim Großteil der Bevölkerung nicht so schnell nachlasse. „Ich fände es auch ethisch problematisch, wenn wir in Deutschland für alle an eine dritte Impfung denken würden – und ein Großteil der Welt ist noch nicht einmal das erste Mal geimpft.“
Pflegende Angehörige impfbereiter als Pfleger
Sander glaubt, dass für eine dritte Impfung die bekannten Impfstoffe geeignet sind und diese einen sehr guten Auffrischungseffekt haben.
„Es kann sein, dass bestimmte Kombinationen dann noch einmal einen Vorteil bringen.“ Vermutlich werde man die Vektorimpfstoffe wie den von Astrazeneca nach zweimaliger Impfung nicht noch ein drittes Mal geben. „Denn es baut sich auch eine sogenannte Vektor-Immunität auf, die die Impfwirkung abschwächt.“ Dann solle man eher einen mRNA-Impfstoff wie von Biontech oder Moderna geben. Und auch umgekehrt. Die besten Kombinationen müssten noch über Studien gefunden werden. Booster-Impfungen kämen häufig auch mit rund der Hälfte der Dosis aus.
Drohende JoJo-Effekte in Alten- und Pflegeheimen haben für Sander nicht nur mit dem Lebensalter zu tun. Es gehe auch um ihr Umfeld: Sind Pflegepersonal und alle Besucher komplett durchgeimpft? „Denn das sind meist die Wege, auf denen das Virus in Alten- und Pflegeeinrichtungen gelangt.“ Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz klagt: „Nach meiner Kenntnis sind die Impfraten unter pflegenden Angehörigen weitaus höher als die beim Pflegepersonal.“